Westafrikaner suchen eigenen Weg: Frankreichs Herrschaft zerbröselt: Zweite antikoloniale Revolution

Auszüge aus dem Freitag: Zweite antikoloniale Revolution Westafrika Nach dem Tschad, Mali und Guinea wurde jetzt auch in Burkina Faso geputscht. Die ehemalige Kolonialmacht Frankreich verliert an Einfluss. Was bedeutet das für die Region? Sabine Kebir | Ausgabe 06/2022 4


Im Vorjahr wurde im Tschad, in Mali und Guinea geputscht. Nun ging am 24. Januar auch in Burkina Faso die Macht an eine Militärregierung über. Was auffällt: Es handelt sich ausnahmslos um Länder der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS, die bislang enge Beziehungen zu Frankreich unterhalten. Von Guinea abgesehen, liegt der tiefere Grund für die Umstürze im Scheitern einer Militärkooperation mit der Ex-Kolonialmacht bei der Bekämpfung islamistischer Gruppen. Seit dem Zusammenbruch Libyens 2011 kontrollieren sie immer größere Territorien im Sahel, terrorisieren die Bevölkerung und betreiben Parallel-Administrationen. In Burkina Faso haben Dschihadisten seit 2016 die nationalen Streitkräfte aus den nördlichen und östlichen Bezirken verdrängt. Mehrere tausend Menschen wurden ermordet, anderthalb Millionen Binnenflüchtlinge verloren mit Haus und Hof ihre Existenzgrundlage. Parallelen zu Afghanistan Letzter Akt: Im Dezember eroberten schwer bewaffnete Islamisten den letzten Stützpunkt der Armee im nördlichen Inata und töteten 53 Gendarmen. Die Angreifer demonstrierten ihre Übermacht, indem sie das Geschehen per Video dokumentierten. Die bedrängten Gendarmen hatten zuvor über mangelnde Ausrüstung und Verpflegung geklagt – sie mussten sich durch Jagd in unsicherem Gebiet ernähren. Zwei Tage vor dem Massaker sandten sie einen Notruf, auf den die Regierung von Präsident Roch Marc Kaboré nicht reagierte. Diese Ignoranz löste heftige Proteste in der Bevölkerung und der Armee aus. Ein Konvoi der Takuba Task Force wurde bei der Fahrt durch Burkina Faso und Niger immer wieder von einer aufgebrachten Menge attackiert. das nicht zuletzt, weil sich Gerüchte bestätigten, dass französische Militärs zuweilen auch mit Dschihadisten Abkommen geschlossen hatten.

Dass die nationalen Streitkräfte nach Neuausrichtung streben, erklärt sich aus ihrer Sorge vor stetem Prestigeverlust. Auch stellt sich die Frage, inwieweit es angebracht und angemessen war, ein westliches Streitkräfte-Modell auf das subsaharische Afrika zu übertragen. Parallelen zu Afghanistan sind nicht von der Hand zu weisen.

Der Mut der malischen Militärregierung, die von der Frankreich-hörigen Assoziation ECOWAS und der EU mit harten Sanktionen belegt wurde, hat die Burkiner zu einem ähnlichen Weg inspiriert. Nachdem am 22. Januar eine in der Hauptstadt Ouagadougou geplante Großdemonstration verboten worden war, wurde Staatschef Kaboré zwei Tage später durch einen unblutigen Putsch gestürzt. Die Bevölkerung jubelte, und wie in Bamako wurden auch hier russische Fahnen geschwenkt.

Demokratische Systeme entwickeln Oberstleutnant Paul-Henri Sandaogo Damiba ist der neue starke Mann im Land. Er kündigte Gerichtsverfahren gegen korrupte Strukturen des gestürzten Regimes an, bei denen man auf eine unabhängige Justiz vertraue. Und er versprach, so bald wie möglich zur verfassungsmäßigen Ordnung zurückzukehren. Im Moment jedoch habe der Rückgewinn an Sicherheit oberste Priorität. Damit überzeugte der General auch die am 3. Februar in Accra tagenden ECOWAS-Delegationen, die vorerst auf Sanktionen gegen Burkina Faso verzichtet haben. Das kann sich wie bei Mali ändern, finden nicht in absehbarer Zeit Wahlen statt.

Der malische Intellektuelle Elimane Haby Kane kommentierte die Haltung der ECOWAS gegen sein Land mit dem Verdikt, sie habe sich total vom Volk Malis entfremdet und damit Legalität eingebüßt. Statt der mageren, vom neoliberalen Wirtschaftssystem oktroyierten Demokratie sollten reichere demokratische Systeme entwickelt werden, die traditionelle und innovative Formen der Mitbestimmung einschließen. Die Bürger müssten das Recht erhalten, auch während einer Wahlperiode effektive Veränderungen zu bewirken.

So deutet sich im noch immer von Frankreich abhängigen Westafrika eine zweite antikoloniale Revolution an.

Westafrika ǀ Zweite antikoloniale Revolution — der Freitag




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