Werden die Militärs in Burkina Faso die revolutionären Ideale von Thomas Sankara wiederbeleben?

Ein Staatsstreich aus AnrainerInnen-Warte, Bericht aus Burkina Faso: Freilich ist zu befürchten, dass die neuen Herren des Landes um nichts besser sind als die alten. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es. Und zumindest die militärischen Aspekte des Kampfes gegen den Terrorismus werden nunmehr wohl professioneller angegangen werden als bisher. Wobei wir – siehe Afghanistan – nur allzu genau wissen, dass Terrorismus nicht militärisch besiegt werden kann. Der berühmteste Burkinabè war ein Militär und ist durch einen Putsch an die Macht gekommen. Thomas Sankara hat 1983 bis zu seinem Tod im Auftrag Blaise Compaorés am 15. Oktober 1987 sein Möglichstes versucht, eine Politik im Interesse der großen Mehrheit der Bevölkerung des Landes in die Tat umzusetzen. Dass gerade ein Prozess am Laufen war und hoffentlich weiter ist, in dem die Ermordung Thomas Sankaras aufgearbeitet wird, könnte ein Faktor gewesen sein, der bei manchen im Heer die Lust vergrößert hat, zu putschen – denn die Mörder, ihre Auftraggeber und Helfer sind zu einem großen Teil noch am Leben. Hoffen wir also, dass der neue Staatschef Paul-Henri Sandaogo Damiba und seine Junta nicht Parteigänger von Blaise Comparoé und Gilbert Diendéré sind, dass sie vielmehr Thomas Sankara gerecht zu werden versuchen und den revolutionären Idealen der 1980er Jahre neues Leben einhauchen werden.

Günther Lanier berichtet aus Burkina Faso

In der Beilage übermittle ich einen Bericht aus Erster Hand über den Militärputsch in Burkina Faso, verfasst von unserem in Ouagadougou lebenden Afrikaberichterstatter Günther Lanier. Es sind zwar auch ihm, der die Ereignisse unmittelbar vor Ort miterlebt hat und der seit vielen Jahren in Burkina Faso lebt, manche der Hintergründe nicht klar, aber seine Schilderungen geben einen recht guten Einblick. aus der Zeitschrift International aus Wien


Montag Früh, 24.1.2022, mitten unter’m Staatsstreich, im Stadtzentrum der burkinischen Hauptstadt1 * * * Günther Lanier, Ouagadougou 26.1.20222 * * *


Heute betätige ich mich nicht als Analyst – ich schreibe als Hier-Lebender. Wir haben einige Probleme in Burkina. Das größte ist der Terrorismus, ein nicht unwesentlicher Teil des Landes untersteht nicht mehr der Kontrolle des Staates und die Zahl der Binnenvertriebenen beträgt mehr als 1,5 Millionen. Viele Schulen sind geschlossen, das betrifft mehr als 500.000 Kinder. Jüngst ist zu allem Überfluss die Vogelgrippe ausgebrochen. Covid hingegen hat entgegen aller Erwartungen den Gesundheitsapparat des Landes nicht in die Knie gezwungen – 353 Covid-Tote hat es laut offiziellen Angaben bis 21. Jänner 2022 gegeben.

Nicht im neuen Jahr, sondern seit März 2020 wohlgemerkt.


Entgegen der Darstellungen in internationalen Medien zählt auch der Putsch, der hier soeben stattgefunden hat, nicht zu unseren Problemen. Damit ich nichts Falsches sage: Seit kurzem macht uns Covid sehr wohl Sorgen – bei den in Kamerun derzeit abgehaltenen Fußball-Afrikameisterschaften werden die Spieler regelmäßig getestet. Gerüchtemäßig werden vor allem die stärksten unter den Gegnern der Hausherren positiv getestet – das war jedenfalls bei Burkina der Fall, das im Eröffnungsspiel gegen Kamerun dann tatsächlich den Kürzeren zog (die Gruppenphase aber trotzdem überstand und nach dem 7:6-Achtelfinalsieg im Elferschießen gegen Gabun nun am Samstag gegen Tunesien im Viertelfinale antritt).


Sonntag auf Montag hat in Burkina also ein Putsch stattgefunden. Am späten Montag-Nachmittag verlas die "Patriotische Bewegung für den Schutz und die Restauration" (Mouvement patriotique pour la sauvegarde et la restauration/MPSR) im staatlichen Fernsehen eine fünfminütige Deklaration: dass sie – ohne Blutvergießen – die Macht im Land übernommen hätte. Sie erklärte die Verfassung für suspendiert, Regierung und Parlament für aufgelöst und schlossen die Grenzen bis auf weiteres. Die Ausgangssperre, die bereits seit Sonntag Abend bestand, wurde leicht ausgeweitet – sie gälte nun von 21h bis 5h. Was für einen Namen sich die Junta da ausgesucht hat! Aber der ist wohl nebensächlich. Der somit abgesetzte Roch Kaboré – ein handgeschriebenes Rücktrittsschreiben zirkuliert in den sozialen Medien – hatte seit Antritt seiner Präsidentschaft Ende 2015 ausreichend Gelegenheit gehabt, seine Unfähigkeit oder vielleicht Unwilligkeit zu beweisen, die Lage des Landes zu verbessern, insbesondere, was den Terrorismus betrifft. Von Anfang an hatte er Angst vor der Armee – nunmehr, könnten wir sagen, hat er den Staatsstreich erfolgreich herbeigefürchtet. Nicht viele im Land weinen ihm eine Träne nach, auch wenn er Ende 2020 von den WählerInnen schon im ersten Wahlgang im Amt bestätigt wurde (es gab keine attraktive Alternative). Nicht wenige haben aber sehr wohl etwas dagegen, von Militärs regiert zu werden. Die Internationale Staatengemeinschaft hat freilich schon begonnen, Druck auszuüben. Allerschleunigst gälte es, die verfassungsmäßige Ordnung wiederherzustellen. Wo kämen wir denn sonst hin.


Die zukünftigen Geschicke des Landes werden vorerst also von Militärs bestimmt. Welche Politik sie verfolgen werden, wissen wir nicht. Wer hinter ihnen steckt, wissen wir ebensowenig wie, ob überhaupt jemand hinter ihnen steckt, oder ob es sich um eine Basis-Bewegung in der Armee handelt, wo die Unzufriedenheit nach dem Tod von 53 Gendarmen (die Gendarmerie ist Teil der Armee) bei einem terroristischen Angriff in Inata im November 2021 heftig brodelte, zumal sie unter skandalösen Umständen starben: Die betroffene Truppe war wochenlang nicht mit Lebensmitteln versorgt worden, die dazu nötigen Hubschrauber waren anderweitig beschäftigt gewesen. Gerüchteweise wurde Gilbert Diendéré befreit –ein Getreuer des Langzeit-Staatschefs Blaise Compaoré, der 2014 nach 27 Jahren an der Macht endlich vom Volk verjagt worden war. Diendéré hatte im September 2015 einen Putsch gegen die damalige Übergangsregierung versucht, den aber der Widerstand “der Straße“ verhinderte. Das Gerücht wurde auch dementiert (allerdings nicht von den neuen Machthabern, die bisher noch so gut wie gar nichts gesagt haben außer ihrer Initial-Erklärung). Der Junta-Chef entstammt der 2015 aufgelösten Präsidialgarde, die Blaise Compaoré die Treue hielten und auch 2015 den Putschversuch unternahmen. Wir wissen nicht, wo seine politischen Sympathien liegen, wem gegenüber er loyal ist. Und das gilt für die anderen Junta-Mitglieder ebenfalls.


Am Samstag, den 22. Jänner, gab es Kundgebungen gegen Roch. Zwei angemeldete Demonstrationen waren vom Bürgermeister nicht genehmigt worden. Davon ließen sich manche Jugendliche nicht abschrecken. Es brannten Reifen, Barrikaden wurden errichtet, Tränengas kam zum Einsatz, Sicherheitskräfte jagten Jugendliche. In der Nacht von Samstag auf Sonntag waren in Kasernen Schüsse zu hören. Das wurde von den Autoritäten zunächst als Meuterei mit beschränkten korporativen Forderungen kleingeredet. Sonntag Vormittag wurde das mobile Internet abgeschaltet – eine im November 2021 von der Roch Kaboré-Regierung eingeführte Unsitte (nicht einmal Blaise hatte sich ihrer bedient; sie ist auch sinnlos, kostet die Betroffenen nur Nerven und auch Geld). Dann bestand bis zur oben erwähnten Deklaration der Junta Unklarheit, wer an der Macht war. Außer Militärs und den Mächtigen war aber niemand direkt betroffen. Freilich waren wir vorsichtig. Vermieden die Nähe von Kasernen – Gewehrkugeln können sich verirren, ist in der Vergangenheit schon passiert. Banken öffneten erst am Dienstag wieder – und nicht schon um 8h, sondern ein bisschen später, als klar war, dass alles ruhig war und blieb. Am Montag machten die Schulen weisungsgemäß nicht auf, eine zuerst auf zwei Tage bemessene Maßnahme, die mittlerweile bis Ende der Woche verlängert wurde. Internationale NGOs und auch einheimische Betriebe sagten ihren Beschäftigten am Montag, sie sollten von zu Hause aus arbeiten (wobei das abgeschaltete mobile Internet nicht gerade hilfreich war). Am Sonnntag spätnachmittags wurde eine nächtliche Ausgangssperre dekretiert – davor wurde der bereits erwähnte Sieg der “Hengste“, der Nationalmannschaft bei den Fußball-Afrikameisterschaften noch ausgiebig gefeiert. Wir taten am Samstag, Sonntag und Montag weitgehend das, was wir sonst auch tun. Ein Putsch regt niemanden auf. Solange das die Armee und die Mächtigen unter sich ausmachen…


Vier Deutsche, darunter Erwin Wiest, der mir die Fotos zur Verfügung stellt, sind am Samstag in Ouagadougou angekommen. Er ist seit 2014 Vorsitzender des Fördervereins Piéla-Bilanga Ochsenhausen e.V.7 , der heuer sein 40- jähriges Jubiläum feiert und dem auch Pascale Pouzet angehört. Susanne Langer und Barbara Rode gehören dem Freundeskreis Bareka8 aus Untergruppenbach an. Da Piéla und Bilanga (im Osten des Landes) mittlerweile leider auch akut von terroristischen Gruppen bedroht sind, war schon vor ihrer Ankunft klar, dass die Besprechungen mit den burkinischen PartnerInnen dieses Mal in Ouagadougou stattfinden würden. Das einfache aber überaus angenehme Hotel Lorette befindet sich im Stadtzentrum, ein paar hundert Meter von der nächsten Kaserne entfernt. In der Nacht waren dort immer wieder Schüsse gut zu hören. Die geplanten Treffen konnten aber alle plangemäß stattfinden. Erwin & Co vertrauten ihren burkinischen PartnerInnen, die ihnen versicherten, dass keinerlei Gefahr bestand.


Freilich haben wir Sonntag und Montag gespannt darauf gewartet, wie es ausgehen würde. Nicht das Fußball-Match meine ich, das sowieso, sondern wer sich schlussendlich durchsetzen würde. Gewonnen haben die Militärs. Gar nicht so wenige freuen sich darüber. Am Dienstag wurde am Platz der Revolution – oder heißt er noch immer Platz der Nation? –, abermals ein paar hundert Meter vom Hotel Lorette entfernt, den ganzen Tag gefeiert – Fotos in den Medien zeigen, dass der Riesenplatz voll war. Viele fragen sich, warum sie einer Demokratie nachweinen sollen, die es Blaise Compaoré über Jahrzehnte ermöglicht hat, an der Macht zu bleiben; einem auf Wahlen beruhenden demokratischen System, das nach einer kurzen wahl-losen Übergangszeit (die auf Druck der “internationalen Gemeinschaft“ auf ein Jahr begrenzt worden war), in der mehr vorwärts ging als in langen Jahren davor und auch in den sieben Jahren seither; einer Demokratie, die nichts geleistet hat, als einen erwiesenermaßen unfähigen Präsidenten im Amt zu bestätigen – weil seine Partei mehr Geld hatte und hat als andere, weil sein Parteiapparat effizienter war, weil die zur Verfügung stehenden Alternativen um nichts besser waren.


Freilich ist zu befürchten, dass die neuen Herren des Landes um nichts besser sind als die alten. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es. Und zumindest die militärischen Aspekte des Kampfes gegen den Terrorismus werden nunmehr wohl professioneller angegangen werden als bisher. Wobei wir – siehe Afghanistan – nur allzu genau wissen, dass Terrorismus nicht militärisch besiegt werden kann. Der berühmteste Burkinabè war ein Militär und ist durch einen Putsch an die Macht gekommen. Thomas Sankara hat 1983 bis zu seinem Tod im Auftrag Blaise Compaorés am 15. Oktober 1987 sein Möglichstes versucht, eine Politik im Interesse der großen Mehrheit der Bevölkerung des Landes in die Tat umzusetzen. Dass gerade ein Prozess am Laufen war und hoffentlich weiter ist, in dem die Ermordung Thomas Sankaras aufgearbeitet wird, könnte ein Faktor gewesen sein, der bei manchen im Heer die Lust vergrößert hat, zu putschen – denn die Mörder, ihre Auftraggeber und Helfer sind zu einem großen Teil noch am Leben10. Hoffen wir also, dass der neue Staatschef Paul-Henri Sandaogo Damiba und seine Junta nicht Parteigänger von Blaise Comparoé und Gilbert Diendéré sind, dass sie vielmehr Thomas Sankara gerecht zu werden versuchen und den revolutionären Idealen der 1980er Jahre neues Leben einhauchen werden.

P.S. Sollten Sie vom burkinischen Putsch auf Grundlage welcher Medien auch immer einen anderen Eindruck gewonnen haben, so ersuche ich Sie zu bedenken, dass Medien von Aufmerksamkeit leben und daher ein vitales Interesse daran haben, solch’ Aufmerksamkeit zu erregen. Von den Samstag-Ereignissen in Ouagadougou gingen die Bilder düsteren Rauch erzeugender brennender Reifen um die Welt. Beim Berichterstatten über den Staatsstreich am Sonntag und Montag war der Fokus, was in den hehren Höhen der Macht vor sich geht. Aktion und Drama verkaufen sich besser als Alltag. Würdigen wir lieber die mehr als 7% der Burkinabè, die zu Binnenvertriebenen geworden sind. Und die vielen anderen, die in Angst leben und nicht wissen, ob sie nicht besser ihre Äcker und Weiden aufgeben und um ihr Leben flüchten sollten


Microsoft Word - 2022 01 26 Staatsstreich aus AnrainerInnensicht.docx (international.or.at)







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