Viele junge Leute könnten bald aus dem Maghreb emigrieren – Wie könnten sie Zukunft in Afrika finden

Die Lage in Tunesien ist derzeit schwieriger denn je. Anhaltende soziale Proteste, eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit des Landes und eine seit Monaten andauernde Regierungskrise haben das Land in eine Sackgasse manövriert. Das Vertrauen in die Politik ist an einem Tiefpunkt. Manche Kommentatoren sehen Tunesien am Rand des Abgrunds. Vor allem junge, schlecht ausgebildete Männer aus den armen Vorstädten und dem Hinterland sehen keine Perspektiven mehr in ihrem Land. Sie träumen von einem besseren Leben in Europa. Viele fühlen sich zudem wie in einem «Gefängnis» und verharren in Apathie. «Wenn unsere Jugend ihr Land hasst, welche Hoffnung bleibt dann noch?», schrieb kürzlich Adnen Mansar, der ehemalige Kabinettschef des tunesischen Präsidentschaftsamtes.

Der Migrationsdruck im vergleichsweise kleinen Tunesien ist enorm. Laut offiziellen Statistiken sind rund eine Million Menschen arbeitslos. Dazu kommen, vorsichtig gerechnet, Hunderttausende, die in der Schattenwirtschaft oder zu prekären Bedingungen in der Landwirtschaft oder als Tagelöhner tätig sind. Jährlich verlassen zudem laut offiziellen Angaben rund 100 000 Kinder und Jugendliche vorzeitig die Schule. Auch viele Angestellte im öffentlichen Dienst mit einem sicheren Arbeitsplatz spielen mittlerweile mit dem Gedanken zu emigrieren.

Die Situation in Algerien und Marokko mag insgesamt etwas besser sein. Doch auch in diesen Ländern ist der Migrationsdruck gewaltig, und auch sie leiden wie Tunesien unter der Abwanderung der am besten qualifizierten Fachkräfte wie Ingenieure, Ärztinnen oder Informatiker. Alle Maghrebstaaten sind zudem selber mit einer starken Migration aus Staaten südlich der Sahara konfrontiert. Allein in Libyen leben Hunderttausende von afrikanischen Migranten, von denen viele nach Europa flüchten möchten.

ll dies ist nicht neu. Doch die Lage hat sich in den vergangenen Monaten dramatisch zugespitzt. Eine entscheidende Rolle spielte dabei die Covid-19-Pandemie; sie führte zu einer zusätzlichen Verarmung der breiten Bevölkerung. Dies gilt für sämtliche Maghrebstaaten. Am meisten leiden aber die aus Ländern südlich der Sahara stammenden Flüchtlinge und Migranten, die im Maghreb gestrandet sind. Sie leben meist unter äusserst prekären Verhältnissen.

Es braucht nicht viel Vorstellungskraft, um sich auszumalen, was in einigen Wochen geschehen könnte. Sobald das Mittelmeer ruhiger wird und die Temperaturen kräftig ansteigen, werden sich von der Küste Nordafrikas aus unzählige Migranten und Flüchtlinge aus Subsahara-Afrika mit Booten auf den Weg in Richtung Europa machen. Alles weist darauf hin, dass es schon bald zu einer grossen Fluchtwelle kommen wird. Einen Vorgeschmack darauf vermittelt das Geschehen im vergangenen Spätsommer und Herbst: Trotz Corona-Restriktionen und intensiven Kontrollen ist es im Jahr 2020 laut offiziellen Zahlen rund 13 000 jungen Tunesiern gelungen, in Italien irregulär einzureisen. Tatsächlich dürften es mehr als 20 000 sein.

«Die Antwort darauf muss nicht in erster Linie von Europa gegeben werden, sondern von den Maghrebstaaten selber», sagt der tunesische Ökonom und Politikwissenschafter Walid Maaouia. Er fordert unter anderem Grenzöffnungen innerhalb der Maghrebstaaten, den Abbau bürokratischer Hürden für Jungunternehmer und den raschen Aufbau eines gemeinsamen Wirtschaftsraums.

Die EU sollte den demokratischen Wandel in Tunesien wie auch die Entwicklung in den anderen Maghrebstaaten sehr viel aktiver als bisher unterstützen: mit grossen, an Bedingungen geknüpften Finanzhilfen, mit einem erleichterten Marktzugang und Visa für Studierende, mit der tatkräftigen Förderung von alternativen Energien. Vor allem aber sollte sie Investoren Anreize geben, damit sie in den Maghrebstaaten neue Arbeitsplätze schaffen.

Kürzlich haben Dutzende von tunesischen Persönlichkeiten in «Le Monde» einen Appell veröffentlicht: Es sei dringend, der tunesischen Jugend Perspektiven zu vermitteln, damit sie im Land bleiben und arbeiten könne. Richtig. Doch in der Praxis ist bis heute kaum etwas geschehen.

Massenmigration aus dem Maghreb – Europa sollte vorausschauen (nzz.ch)

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