Tigrays Rebellen ziehen sich zurück und rufen zum Waffenstillstand auf. Wie kam es zur Wende?

Podcast: Äthiopien: Ahmed gelingt Wende im Bürgerkrieg | NZZ Akzent

Tigrays Rebellen ziehen sich zurück und rufen zum Waffenstillstand auf. Ist es ein Akt der Verzweiflung? Der Aufruf der Aufständischen an den Uno-Generalsekretär folgt auf schwere militärische Rückschläge. Er ist der bisher bedeutendste Schritt in Richtung einer Waffenruhe. Doch die ersten Reaktionen aus Addis Abeba sind unversöhnlich.

Die tigrinischen Rebellen haben am Montag angekündigt, sich in ihre Region im Nordwesten des Landes zurückzuziehen. Sie wollten den Weg frei machen für eine friedliche Lösung des Konflikts, erklärten die Aufständischen, die seit 14 Monaten Krieg führen gegen die äthiopische Regierung. Debretsion Gebremichael, der Anführer der Tigray People’s Liberation Front (TPLF), rief in einem Brief an den Uno-Generalsekretär Antonio Guterres zu einer Waffenruhe auf, auf die Friedensgespräche folgen sollen.


«Wir hoffen, dass unser mutiger Rückzug den Weg frei macht für den Frieden», schreibt der Chef der politischen Führung der Rebellen. Der Aufruf der Rebellen ist der bisher wichtigste Schritt in Richtung einer Waffenruhe. Die TPLF hatte ihre Bereitschaft für eine Waffenruhe bisher an Bedingungen geknüpft; unter anderem forderte sie die Einrichtung mehrerer humanitärer Korridore, um die Situation der notleidenden Bevölkerung in Tigray zu verbessern. Der Krieg hat allein in Tigray fast zwei Millionen Menschen vertrieben.


Der Rückzug der Rebellen folgt auf Wochen, in denen sie schwere militärische Rückschläge erlitten haben. Anfang November hatte es noch so ausgesehen, als ob sie die Regierung von Ministerpräsident Abiy Ahmed zu Fall bringen könnten. Ihre Truppen waren bis auf 200 Kilometer an die Hauptstadt Addis Abeba herangerückt.


Unversöhnliche Regierungssprecherin

Seither haben die Rebellen aber mehrere strategisch wichtige Städte und viel Terrain verloren. Die Wende war möglich, weil die nationale Armee in den letzten Monaten mit Drohnen und anderem Kriegsgerät verstärkt wurde. Die Drohnen kommen aus der Türkei, China und Iran. Aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, einem der engsten Verbündeten von Ministerpräsident Abiy, landeten zeitweise fast täglich Frachtflüge auf der wichtigsten Basis der äthiopischen Luftwaffe.

Eine Waffenruhe im äthiopischen Bürgerkrieg war bisher nie in Reichweite, weil beide Seiten entweder für die Gegenseite unerfüllbare Bedingungen stellten oder eine militärische Lösung anstrebten. Ob Abiys Regierung sich diesmal konzilianter zeigen wird, ist fraglich. Eine erste Reaktion von Abiys Sprecherin Billene Seyoum fiel unversöhnlich aus: Die Ankündigung der TPLF diene dazu, militärische Rückschläge zu kaschieren, sagte sie gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.

Sensibler Abiy

Es dürfte deshalb vom Druck aus dem Ausland abhängen, ob der Aufruf der TPLF-Führung Wirkung zeitigt. Die Afrikanische Union und die USA versuchen seit Monaten erfolglos, die Kriegsparteien von einer friedlichen Lösung zu überzeugen.


Die Regierung von Abiy Ahmed reagiert empfindlich auf Druckversuche aus dem Westen und stellt diese als imperialistische Anmassung dar. Die USA versuchen deshalb offenbar auch indirekt Einfluss zu nehmen, indem sie Druck auf Abiys Verbündete ausüben. Laut der «New York Times» versuchen amerikanische Regierungsvertreter die Emirate dazu zu bewegen, sich an Friedensbemühungen zu beteiligen. Die Türkei hat ihre Waffenlieferungen an Äthiopien angeblich aufgrund des internationalen Drucks bereits ausgesetzt.

Krieg in Äthiopien: Die Rebellen rufen zum Waffenstillstand auf (nzz.ch)

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