Sind die niedrigen Corona-Zahlen in Afrika der ungenauen Erfassung der Zahl der Toten zu verdanken

Corona-Sonderfall Afrika? Ein Blick auf die Friedhöfe auf dem Kontinent offenbart eine andere Geschichte Nur wenige Staaten Afrikas führen eine Statistik über die Zahl der Toten. Ein Forscherteam aus Äthiopien zählt deshalb seit Jahren die neuen Gräber in der Hauptstadt. Das Resultat wirft ein neues Licht auf die Folgen der Corona-Pandemie auf dem Kontinent. Diese Zahlen deuten darauf hin, dass Südafrika nicht das einzige Land südlich der Sahara ist, das schwer von der Pandemie getroffen wurde. Wahrscheinlich erscheinen die dortigen Corona-Folgen – in 12 Monaten starben am Kap 164 000 Menschen mehr als erwartet – nur deshalb schlimmer als andernorts, weil Südafrika als einziges grosses Land im subsaharischen Afrika überhaupt verlässliche Übersterblichkeitsstatistiken veröffentlicht. Laut WHO ist Zahl der Corona-Todesfälle jüngst in Afrika um 43 Prozent gestiegen, v.a. wegen dem Mangel an Sauerstoffgeräten und freien Betten auf Intensivstationen. Bisher sind zudem auf dem Kontinent mit über 1,3 Milliarden Menschen lediglich 18 Millionen Menschen gegen Covid-19 geimpft worden.


Zeigt Äthiopien beispielhaft, was seit langem über Corona in Afrika zu hören ist: dass der Kontinent weitgehend von der Pandemie verschont bleibe?

Allein: Offizielle Statistiken sind in Afrika im besten Fall ein grober Annäherungswert. Häufiger sind sie stark verzerrt, manchmal schlicht erfunden (wie die vielerorts abstrus tiefen Arbeitslosenzahlen).

Dies allein wäre Grund genug, dem Narrativ vom Kontinent, dem das Virus wenig anhaben kann, skeptisch zu begegnen.


Afrikas Blindflug

Der äthiopische Gesundheitsexperte Bilal Shikur Endris gehörte zu den Ersten, die sich aufmachten, die Kluft zu überbrücken zwischen dem, was die offiziellen Zahlen vorgaukeln, und dem, was die Pandemie in Afrika tatsächlich anrichtet.


«Als das Virus vergangenes Jahr Äthiopien erreichte, verursachte es Panik», erzählt Bilal am Telefon. «Dann kam die Ratlosigkeit.» Angesichts der geringen Testkapazitäten habe niemand gewusst, wie schnell sich Corona ausgebreitet und wie viele Opfer es gefordert habe. «Wir hatten praktisch keine Informationen.»

Bilal ist Professor für öffentliche Gesundheit an der Universität Addis Abeba. Er leitete zu Beginn der Pandemie ein Forschungsprojekt, das Daten zu den Begräbnissen auf allen 73 Friedhöfen der äthiopischen Hauptstadt sammelt: Geschlecht, Todesursache, Zeitpunkt der Bestattung. Lanciert wurde das Projekt im Jahr 2001 mit dem Ziel, die Folgen der damals grassierenden HIV-Epidemie zu eruieren.


Äthiopien ist damit keine Ausnahme auf dem Kontinent: Laut der Uno werden in Afrika nur etwa 40 Prozent aller Todesfälle behördlich erfasst. Lediglich acht afrikanische Länder – darunter Südafrika, Algerien und Ägypten – registrieren mehr als drei Viertel der Gestorbenen. In Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land, beträgt dieser Wert nur 10 Prozent. In Äthiopien stammt die letzte jährliche Todesstatistik, die das Land der Uno übermittelte, aus dem Jahr 2007.


Dies, gepaart mit der sehr geringen Anzahl Covid-19-Tests, führt dazu, dass sich die meisten Länder Afrikas in dieser Pandemie noch immer weitgehend im Blindflug befinden. Analysen zur Übersterblichkeit, die in anderen Weltregionen Aufschluss geben über die Fatalität der Pandemie, sind in den meisten afrikanischen Ländern nicht möglich.


Über 60 Prozent Übersterblichkeit

In der 3-Millionen-Metropole Addis Abeba wäre dies ohne Bilals Forschungsprojekt nicht anders. Sein Team aber hatte das Glück, durch die langjährige Zählung der Gräber in der Stadt über eine Datengrundlage zu verfügen, die Vergleiche über die Zeit zulässt.

Bilals Mitstreiter besuchten deshalb auch nach Ausbruch der Pandemie wöchentlich alle 73 Friedhöfe der Stadt, um die Zahlen zu den jüngsten Begräbnissen zusammenzutragen. Durch die Befragung von Angehörigen der Verstorbenen und andere Recherchen versuchten sie zudem zu eruieren, ob die Toten an Covid-19 erkrankt waren. «Eine ermüdende Arbeit», sagt Bilal, «aber eine lohnende: Unsere Daten waren teilweise der einzige Hinweis darauf, wo wir in der Pandemie hier gerade standen.»

Die vorläufigen Ergebnisse des Forschungsprojekts wurden im Frühjahr publiziert. Sie zeigen: Die Folgen von Covid-19 sind in Addis Abeba ähnlich verheerend wie an anderen Orten der Welt.


Gemäss den neuesten, noch unpublizierten Daten hat sich die Situation in diesem Frühling noch zugespitzt. Demnach war die Übersterblichkeit im April, als Äthiopien von einer zweiten Corona-Welle heimgesucht wurde, in der Hauptstadt um 60 Prozent erhöht.


Volle Friedhöfe auch andernorts

Die Erhebungen aus der äthiopischen Hauptstadt werden zu einem Zeitpunkt publik, an dem sich auch anderswo in Afrika die Hinweise verdichten, dass während der Pandemie deutlich mehr Menschen sterben als zuvor.

In der nordnigerianischen Stadt Kano wies die Regierung bereits vor einem Jahr darauf hin, dass sich die Zahl der Beerdigungen phasenweise vervierfacht habe. Über die Hälfte der Toten war an Covid-19 erkrankt, wie spätere Untersuchungen ergaben. Im Sudan kam eine Studie im Dezember zum Schluss, dass 2020 allein in der Hauptstadt Khartum 16 000 Menschen, die in keiner Statistik auftauchten, an Covid-19 verstorben waren.


In Simbabwes Hauptstadt Harare meldeten Lokalmedien unlängst, die Zahl der Beerdigungen habe sich im Vergleich zum Vorjahr vervierfacht. In Lusaka, der sambischen Hauptstadt, gab die Verwaltung im Juni bekannt, gegenwärtig dreimal so viele Bestattungserlaubnisse auszustellen wie vor der Pandemie. Und in Somalia zeigten Satellitenaufnahmen, dass die Zahl der neu angelegten Gräber in Mogadiscio seit Beginn der Pandemie um bis zu 2,2 Mal so hoch liegt wie zuvor.


Diese Zahlen deuten darauf hin, dass Südafrika nicht das einzige Land südlich der Sahara ist, das schwer von der Pandemie getroffen wurde. Wahrscheinlich erscheinen die dortigen Corona-Folgen – in 12 Monaten starben am Kap 164 000 Menschen mehr als erwartet – nur deshalb schlimmer als andernorts, weil Südafrika als einziges grosses Land im subsaharischen Afrika überhaupt verlässliche Übersterblichkeitsstatistiken veröffentlicht.


Der Wert verlässlicher Daten

Afrika ist also keinesfalls der Corona-Sonderfall, wie es die offiziellen Statistiken vermuten lassen. Zwar dürfte die vergleichsweise junge Bevölkerung durchaus ein Trumpf sein. Auch scheinen viele Länder Westafrikas weniger stark betroffen zu sein als die Länder im östlichen und im südlichen Afrika. Das kann sich aber rasch ändern – selbst wenn die offiziellen Infektionszahlen tief bleiben sollten.

So oder so zeigt das Beispiel aus Addis Abeba, wie wichtig verlässliche Daten in Krisenzeiten sind. «Diese schaffen Klarheit darüber, wo wir gerade stehen», sagt Bilal. «Das ist wichtig, um die richtige Präventionsstrategie umzusetzen. Es hilft aber auch bei der Aufklärung: Wer aufzeigen kann, dass in der Pandemie deutlich mehr Menschen sterben als sonst, überzeugt die Bevölkerung eher davon, die Schutzkonzepte einzuhalten.»

Zahl der Corona-Todesfälle steigt in Afrika um 43 Prozent

urf. · In Afrika ist die Zahl der Todesfälle aufgrund von Corona-Erkrankungen innerhalb einer Woche um 43 Prozent gestiegen. Dies teilte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am vergangenen Donnerstag mit. Sie verwies darauf, dass es sich um den stärksten Anstieg seit Pandemiebeginn handle. Zurückzuführen ist der Anstieg insbesondere auf einen Mangel an Sauerstoffgeräten und freien Betten auf Intensivstationen. Der Grossteil der Todesfälle wurde jüngst in Namibia, Südafrika, Tunesien, Uganda und Sambia registriert. Die Corona-Sterblichkeitsrate liegt in Afrika mit 2,6 Prozent derzeit über dem weltweiten Durchschnitt von 2,2 Prozent. Bisher sind auf dem Kontinent lediglich 18 Millionen Menschen gegen Covid-19 geimpft worden.

https://www.nzz.ch/international/coronavirus-in-afrika-tiefe-offizielle-zahlen-volle-friedhoefe-ld.1635836


7 Ansichten0 Kommentare