Sahel:Vormarsch der Dschihadisten hat gute Nachbarschaft ethnischer und religiöser Gruppen zerstört

Aktualisiert: 6. Feb. 2021

Lange lebten die Peul und die Dozo „wie zwei Finger derselben Hand“. Doch dann machte sich das Misstrauen auch in Burkina Faso breit.

Verschiedene ethnische und religiöse Gruppen hatten bis dahin friedlich Seite an Seite gelebt: Mossi, Bobo, Dioula, Peul, Gurma, Senufo, Bissa, Tuareg und andere. Laut einer Erhebung von 2006 besteht die Bevölkerung in Burkina Faso zu 60,5 Prozent aus Muslimen, 19 Prozent sind Katholiken, 15,3 Animisten und 4,2 Prozent Protestanten. Es gibt viele gemischte Ehen und multikonfessionelle Fami­lien. Menschen wechseln häufig ihre Religionszugehörigkeit, ohne dass daran Anstoß genommen wird.(2)

Doch wegen des Vormarschs dschihadistischer Gruppen schnellte die Gewalt im Land innerhalb von vier Jahren in die Höhe, ähnlich wie im benachbarten Mali.(3) Im Oktober 2014, nach dem Sturz von Präsident Blaise Compaoré, der Burkina Faso 27 Jahre regiert hatte, zerfiel der Staat. Die Anhänger des in die Elfenbeinküste exilierten ehemaligen Präsidenten schürten die Illu­sion, das Drama hätte vermieden werden können, wenn ihr Führer an der Macht geblieben wäre.



Die Staatsgewalt war allerdings schon seit Langem wenig handlungsfähig. Angesichts von Korruption und Elend konnten der „Islamische Staat“ oder al-Qaida nahestehende Gruppierungen, die bereits den Norden und Osten des Landes beherrschten, ihren Einfluss leicht ausweiten. 40 Prozent der Burkiner leben unterhalb der Armutsgrenze, ein großer Teil davon auf dem Land. Die dschihadistischen Milizen gewannen auch im Westen Terrain und bedrohen inzwischen den Süden. Seit dem ersten Attentat, zu dem sie sich im Oktober 2015 bekannten, verübten sie fast 600 Anschläge, vor allem auf das Militär, aber auch auf Zivilisten. Tausende Tote sind zu beklagen, Männer, Frauen und Kinder, sowie hunderttausende Vertriebene.(4) Aber auch die Sicherheitskräfte begingen im Namen des Antiterrorkampfs Gewalttaten.

Diese Entwicklung ist auch das Resultat der Vernachlässigung der ländlichen Regionen in den letzten Jahrzehnten. „Bei dem Aufstand vom Oktober 2014 hat sich die Enttäuschung gegenüber dem Staat entladen“, schreibt die NGO International Crisis Group, und erinnert daran, dass 71 Prozent der Burkiner in ländlichen Gebieten leben.(6)

Der Staat ist gegenüber diesen immer zahlreicheren Gruppen, die seine Autorität infrage stellen, ziemlich hilflos. „Es gibt im Land 8900 Dörfer. Die Ordnungskräfte können nicht überall sein. Wir sind daher auf die Hilfe der Milizen angewiesen“, räumte 2015 der Minister für innere Sicherheit der neuen Regierung, Simon Compaoré (nicht verwandt), ein. In einem Drittel des nationalen Territoriums ist die Armee überhaupt nicht präsent, es fehlt an Personal, Ausrüstung und Organisa­tion.

„Man muss verstehen, warum wir in diese Situation gekommen sind“, erklärte uns damals Chryzogone Zougmoré von der MBDHP. „Es ist das Ergebnis von drei Entwicklungen: der seit 20 Jahren ansteigenden Unsicherheit, dem kompletten Rückzug des Staates und dem fehlenden Vertrauen der Bevölkerung gegenüber den Institutionen der Republik.“ Solange diese Probleme nicht gelöst seien, sei es zwecklos, die Milizen zu verbieten.

Heute soll es in Burkina Faso rund 4500 „Koglweogo“-Gruppen geben, mit insgesamt 20 000 bis 45 000 Mitgliedern. Viele haben Angst vor ihnen, in manchen Regionen hält ihnen die Bevölkerung aber auch zugute, für mehr Sicherheit gesorgt zu haben.(7) Die „Kogl­weogo“ rekrutieren sich zwar aus allen Volksgruppen, in der Mehrzahl sind sie aber Mossi. Im Osten, Norden und Westen des Landes, wo diese nicht als Autochtone gelten, hat ihre Ansiedlung zu Spannungen geführt. Man wirft ihnen „Expansionismus“ vor.

Inzwischen haben sich die „Kogl­weo­go“ auch in den Antiterrorkampf eingemischt. Ihre Aktionen dienen zuweilen jedoch weniger dem Schutz der Bevölkerung, sondern enden in Massakern. Antiterrorkampf, persönliche Abrechnungen und Konflikte zwischen den Gemeinschaften ließen sich nicht mehr unterscheiden, stellt die International Crisis Group fest.(8)

Weil er nicht die Mittel hat, den Selbstverteidigungsmilizen den Krieg zu erklären, versucht der burkinische Staat ihren wachsenden Einfluss einzuhegen. Sie sollen den Sicherheitskräften zur Hand gehen und nach einer lediglich zweiwöchigen Ausbildung „notfalls mit Waffengewalt zum Schutz ihres Dorfes beitragen“.

Aber wie sollen kaum ausgebildete Bürger gegen Kämpfer vorgehen, die regelmäßig Sicherheitskräfte in die Flucht schlagen? Wie können Übergriffe gegen Zivilisten verhindert werden? Und wie kann man die Loyalität der VDP gegenüber dem Staat sicherstellen?

So könnte dieses Gesetz die Ethnisierung der Milizen vorantreiben, sorgt sich Jonathan Pedneault von Human Rights Watch, genau „wie im benachbarten Mali, wo die Volksgruppen der Bambara und der Dogon dutzende Massaker verübt und hunderte Peul-Zivilisten getötet haben.“(9)

Die Milizen von Burkina Faso | Aus LMd 5/2020 (atlas-der-globalisierung.de)


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