Nigerianer können Shell jetzt wegen den massiven Umweltzerstörungen in Großbritannien verklagen

Ölförderung: Wie Shell für Umweltschäden am Niger-Delta zur Verantwortung gezogen wird Bewohner des Niger-Deltas dürfen den Ölkonzern wegen Umweltschäden in Afrika nun in Großbritannien verklagen. Das könnte weitreichende Folgen haben – nicht nur für Shell.


Die Mündung von Afrikas drittgrößtem Fluss ist nicht nur ein hochkomplexes Ökosystem von der Größe der Schweiz, sondern auch eine der reichsten Schatzkammern Afrikas: Mehr als 25 Milliarden Barrel Öl lagern unter ihrem Boden – und haben dort für viele Begehrlichkeiten und jede Menge Streit gesorgt.

Immer wieder gelangt Rohöl aus Lecks, von denen es pro Jahr Hunderte gibt, aus den kilometerlangen Pipelines direkt ins Wasser. Der klebrige Film überzieht Blätter und Wurzeln der Mangrovensümpfe und zerstört den empfindlichen Lebensraum.

Seit Jahrzehnten wird juristisch darüber gestritten, wer für die enormen Umweltschäden verantwortlich ist, die mit der 1958 von Shell begonnenen Ölförderung im Delta einhergehen – der nigerianische Staat, der internationale Ölkonzern oder die Einheimischen selbst. Zwei Gerichtsurteile zu Jahresbeginn haben nun vor allem den britisch-niederländischen Ölkonzern Shell in die Verantwortung genommen.

Beide Urteile dürften von der Unternehmenswelt schon deshalb mit Argusaugen beobachtet werden, weil sie möglicherweise den Weg für weitere Umweltklagen gegen international tätige Konzerne und deren Aktivitäten und Töchter im Ausland ebnen.

Für die Londoner Anwaltskanzlei Leigh Day, die die nigerianischen Volksgruppen vor Gericht vertreten hat, markiert das Urteil einen Wendepunkt bei der Verantwortlichkeit multinationaler Unternehmen: „Zunehmend verarmte Gemeinden versuchen, mächtige Unternehmensakteure zur Rechenschaft zu ziehen, und dieses Urteil wird ihre Fähigkeit dazu erheblich verbessern“, ist Daniel Leader, Partner bei Leigh Day, überzeugt. Die Kläger waren in Den Haag mit der Begründung vor Gericht gezogen, dass nigerianische Gerichte schlicht zu korrupt seien.

Dies könnte dazu führen, dass künftig mehr Unternehmen dort angeklagt werden, wo sie ihren jeweiligen Hauptsitz haben – und nicht etwa dort, wo die Umweltzerstörung angeblich stattgefunden hat. Für ausländische Firmen steigt damit die Angst vor Klagen in Europa, wo die Entschädigungssummen deutlich höher ausfallen dürften. Allerdings kann Shell noch immer gegen eine Reihe von Punkten des Verfahrens Widerspruch einlegen.

Ein Blick in die Gerichtsakten der vergangenen 20 Jahre zeigt, dass offenbar keiner der Akteure im Nigerdelta schuldlos ist. Der oft nur an den Einnahmen aus dem Ölgeschäft interessierte nigerianische Staat, die Konzerne, aber auch militante Einheimische sind in der Region in einen Dauerkonflikt verwickelt, der die Ölförderung zu einem unberechenbaren Umwelt- und Sicherheitsrisiko macht.

Die internationale Öffentlichkeit hat die Vorkommnisse in der Region bislang allenfalls am Rande wahrgenommen. Nur einmal gab es weltweit eine Welle des Protests: Im November 1995 ließ der nigerianische Diktator Sani Abacha den Bürgerrechtler Ken Saro Wiwa und acht seiner Mitstreiter brutal hinrichten.

Sie hatten Massenproteste gegen Shell und die von ihnen angeprangerte Ausbeutung ihrer Heimat organisiert. Bis heute klagen vier Witwen von damals Hingerichteten gegen das Unternehmen, dem sie eine Beteiligung an den Hinrichtungen vorwerfen – ein Vorwurf, den Shell bis heute vehement zurückweist.

mehr: Ölförderung: Wie Shell für Umweltschäden am Niger-Delta zur Verantwortung gezogen wird (msn.com)

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