Macron öffnet Fenster auf die europäischen Gräuel in Afrika! Ende des Vergessens und Verschweigens?

Der Guardian-Blick auf Frankreich und Algerien: Das Schweigen brechen Redaktionelle

Präsident Emmanuel Macron will sich zu Recht einem dunklen Kapitel der französischen Geschichte stellen

In einer kürzlich gehaltenen Rede über islamistischen Extremismus beschrieb Emmanuel Macron Frankreich als "ein Land mit einer kolonialen Vergangenheit und Traumata, die es immer noch nicht gelöst hat, mit Fakten, die unserer kollektiven Psyche zugrunde liegen. Der Algerienkrieg ist ein Teil davon." Herr Macron hat während seiner gesamten Präsidentschaft ähnliche Bemerkungen gemacht. Schätzungsweise fünf Millionen Franzosen haben Verbindungen zu Algerien, und der Schatten, der durch die koloniale Erfahrung geworfen wird, ist lang und spaltend. Nostalgische Exilanten und französische Militärveteranen unter der Führung des ehemaligen Fallschirmjägers Jean Marie Le Pen waren maßgeblich an der Bildung des rechtsextremen Front National beteiligt.

Die algerische Diaspora in Frankreich hat eine etwas andere Stellung zum Zeitalter des Imperiums. Frühere Präsidenten haben sich einfach von einem Krieg ferngehalten, der mit nationaler Demütigung, brutaler Gewalt und imperialistischem Rassismus verbunden ist. Aber in einem Land mit einer der größten muslimischen Bevölkerungen in Europaist Herr Macron zu dem Schluss gekommen, dass diese offizielle Amnesie unhaltbar geworden ist.

Die Elysée hat angekündigt, dass eine Kommission für "Erinnerungen und Wahrheit" eingerichtet werden soll, die mit der Überprüfung der französischen Kolonialgeschichte in Algerien beauftragt ist. Geschlossene Archive sollen geöffnet werden, um eine "Anerkennung der Tatsachen" und eine "Versöhnung der Erinnerungen" zu etablieren. Artefakte und Dokumente sollen von Paris nach Algier zurückgeschickt werden. Die Qualen nationalistischer Persönlichkeiten wie des Anwalts Ali Boumendjel, dessen Ermordung 1957 zu Protesten des Schriftstellers Francois Mauriac führte, werden verspätet anerkannt. Eine Reihe von Gedenktagen wird verschiedenen Aspekten der kolonialen Erfahrung gewidmet sein, einschließlich der Rolle der Harki-Soldaten, die an der Seite der französischen Truppen kämpften.

The Guardian view on France and Algeria: breaking the silence | Editorial | Opinion | The Guardian

und wie steht es mit der deutschen Kolonialvergangenheit?



„Deutschland und Afrika“

Deutschlands koloniale Vergangenheit ist heute nahezu vergessen. Henning Melber attestiert den Deutschen gar eine „koloniale Amnesie“. Zwar nehme die hiesige Politik Afrika zunehmend in den Blick, doch sei die deutsche Haltung weiterhin paternalistisch.

Nur 35 Jahre hatte die deutsche Kolonialzeit Bestand. Und doch, so betont der Politologe und Sozialwissenschaftler Henning Melber, sei die kurze Periode zwischen 1884 und 1919 weder in ihrem Ausmaß noch in ihren Konsequenzen bedeutungslos gewesen. Seine Diagnose lautet: Die Deutschen leiden an kolonialer Amnesie, einem folgenreichen Gedächtnisverlust.

„Sie sind über die eigentliche Geschichte ihrer sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung nicht im Bilde und haben eine falsche Vorstellung davon, wie sie in die heutige Welt passen. Die „patriotische Identität“ umgarnt Menschen mit einem Selbstverständnis, das für die nicht dazu Gehörigen sichtbar nachteilige Folgen hat. Sie basiert auf einem Entwicklungspfad und -verständnis, die ein historisches Privileg reklamieren, das rassisch – und in seiner Konsequenz rassistisch – geprägt ist.“

Entwicklung oder Fortschritt sind für Melber Begrifflichkeiten, die letztlich der kolonialen Überzeugung entspringen, Mittelpunkt der Zivilisation zu sein, deren Produktions- und Lebensweise die einzig erstrebenswerte ist. Nur eines von vielen Beispielen für den „kolonialen Blick“, den Melber und 17 weitere Autorinnen und Autoren in ihrem Buch entlarven. Dessen erste Hälfte widmet sich einer Analyse der deutschen Politik in und mit Afrika.

„Zuletzt sind es die dumpfen Parolen vor allem der ‚Neuen Rechten‘, darunter die AfD, Pegida oder die ‚Identitäre Bewegung‘, die gegen den ‚Schuld-Kult‘ wettern. Mit ihrem Kulturkampf torpedieren sie nicht nur eine kritische Aufarbeitung des Nationalsozialismus, sondern auch der Kolonialgeschichte. Der xenophobe Nationalismus der rechtspopulistischen und rechtsextremistischen Kräfte zeigt einmal mehr die Weigerung, die Geschichte des Rassismus – auch er ein unheilvolles Erbe des Kolonialismus – aufzuarbeiten.“

Zur Anerkennung des kolonialen Erbes würde nicht zuletzt gehören, das Bild des angeblich „weißen Deutschen“ endgültig an den Nagel zu hängen. Schon vor hundert Jahren kämpften schwarze Deutsche für ihre gesellschaftliche Anerkennung, ein Kampf, der nie gewonnen wurde – wie etwa die Debatte um „racial profiling“ und die anhaltende Gewalt gegen Schwarze zeigen. Dagegen helfen könnte eine postkoloniale Erinnerungskultur, für die einige der Autoren – nicht alle – Raum im umstrittenen Berliner Humboldt-Forum sähen. Wo auch immer: Die Aufarbeitung von Deutschlands kolonialem Erbe und ein Ende der „kolonialen Amnesie“ ist unbedingt geboten. Das legen die Autorinnen und Autoren des Sammelbands mit ihren vielschichtigen Zugängen überzeugend dar. Ein wichtiges Buch, das viele gute Argumente für eine dringend nötige Debatte liefert.

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Henning Melber (Hrsg.) - "Deutschland und Afrika" (Archiv) (deutschlandfunk.de)

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