Länder, ständig am Abgrund. Europas Soldaten in der Sahelregion Feuerwehr oder Brandbeschleuniger

Die bittere Botschaft, die häufig übersehen wird, lautet leider: Viele Menschen in den Dörfern der Sahelstaaten haben ihren eigenen Staat (der oft mit den westlichen Staaten eng verbunden ist) und dessen Armee als brutal, korrupt und unzuverlässig erlebt. Und womöglich muss sich Europa an den Gedanken gewöhnen, dass diese Länder gar nicht anders können, als mit islamistischen Gruppen zu verhandeln, wollen sie jemals dem Krieg entkommen.


Länder, die sich ständig am Abgrund bewegen

Die politischen Wirren in Burkina Faso sind Symptome einer Krise, die sich über den Gürtel der Sahelzone erstreckt. Immer wieder geht es um Mali, das am Zerfallen ist.

Die Wirrnisse in Burkina Faso sind Symptome einer Krise, die sich über den Gürtel der Sahelzone erstreckt, jenen klimatisch sehr fragilen Streifen, der die Sahara vom tropischen Afrika trennt. Es sind Länder, die sich mehr oder weniger nahe am Abgrund bewegen, die Gewalt im sudanesischen Darfur ist wieder aufgeflammt, Spannungen in Tschad sind nicht bewältigt. Die Rebellion von Boko Haram drückt den Norden Nigerias seit Jahren nieder.

Und immer wieder Mali: Ein Land, das einmal vielen als afrikanische Musterdemokratie galt, zerfällt. Die Bevölkerung kann trotz der Präsenz von französischen Soldaten und UNO-Truppen blutigen Auseinandersetzungen zwischen mörderischen Milizen und oft gnadenlosen Armeeeinheiten kaum entkommen. Nun sollen es russische Söldner richten, gerufen von der Putschregierung in Bamako. Aber wer hier eigentlich noch wen beschützt oder bedroht, das ist in den unübersichtlichen Weiten der Halbwüste schwer zu erfassen.

Am Schicksal der französischen Elitetruppen im Sahel lässt sich ganz gut erkennen, wie riskant der politische Treibsand für dort intervenierende Mächte ist. Anfangs wurden die Franzosen in Mali als Retter bejubelt, doch ihr Ruf hat gelitten, nun gilt er als zweifelhaft bis ruiniert. Ja, sie haben Kommandanten der Jihadisten ausgeschaltet, einen nach dem anderen. Frankreich feierte in Mali regelmässig militärische Erfolge gegen islamistische Milizen.

Doch es hat auch zahlreiche Soldaten verloren und muss sich fragen lassen, was das alles bringt, wenn es nicht zugleich gelingt, alle Bevölkerungsgruppen in einen Friedensprozess einzubinden, der die Basis für einen stabilen Staat legen könnte.

Sind europäische Soldaten im Sahel die ersehnte Feuerwehr – oder doch eher unfreiwillige Brandbeschleuniger?

Die bittere Botschaft, die häufig übersehen wird, lautet leider: Viele Menschen in den Dörfern der Sahelstaaten haben ihren eigenen Staat und dessen Armee als brutal, korrupt und unzuverlässig erlebt. Und womöglich muss sich Europa an den Gedanken gewöhnen, dass diese Länder gar nicht anders können, als mit islamistischen Gruppen zu verhandeln, wollen sie jemals dem Krieg entkommen.

Analyse zu Krisen im Sahel – Länder, die sich ständig am Abgrund bewegen | Berner Zeitung

Sahel-Experte: Putsch in Burkina Faso destabilisiert Region weiter

Frankfurt a.M., Niamey (epd). Der Militärputsch in Burkina Faso ist laut dem Sahel-Experten Ulf Laessing absehbar gewesen. "Es rumort schon lange in der Armee", sagte Laessing, der das Regionalprogramm Sahel der Konrad-Adenauer-Stiftung leitet, dem Evangelischen Pressedienst (epd) am Dienstag in Niamey. Seit 2015 habe sich die Sicherheitslage in dem westafrikanischen Land dramatisch verschlechtert. Viele Soldaten seien unzufrieden, weil sie sich im Kampf gegen die Dschihadisten von der Regierung im Stich gelassen fühlten. In Burkina Faso hatte das Militär am Montagabend nach der Festnahme des Präsidenten Roch Marc Christian Kaboré erklärt, die Macht übernommen zu haben. Begründet wurde der Schritt mit der schlechten Sicherheitslage. Unter den Soldaten sei die Frustration nach dem Anschlag mit Dutzenden Toten auf eine Gendarmerie im November enorm gewachsen, sagte Laessing. Nach dem Angriff sei öffentlich geworden, dass die dort stationierten Sicherheitskräfte wochenlang nicht versorgt wurden. Gleichzeitig sei der Rückhalt in der Armee für die Putschisten noch unklar. "Wir wissen nicht, ob das Militär geschlossen hinter den neuen Machthabern steht", sagte Laessing. Dass die Putschisten die Sicherheitslage im Land verbessern oder für eine bessere Ausrüstung und Versorgung der Armee sorgen, bleibe wegen struktureller Probleme abzuwarten. Der Experte warnte davor, dass dschihadistische Kämpfer sich über den Süden des Landes auch in den Nachbarstaaten Ghana und Togo festsetzten. "Die ganze Region könnte weiter destabilisiert werden." Zugleich warnte der Experte der Konrad-Adenauer-Stiftung davor, dass der Putsch in Burkina Faso die Militärs in anderen westafrikanischen Ländern zur Machtergreifung ermuntern könnte. "Es besteht die Gefahr, dass das Modell weiter Schule macht", sagte er. Vor allem die Länder der Sahel-Region kämpften mit vergleichbaren Problemen wie weitverbreiteter Armut, dschihadistischen Aufständen und den Folgen des Klimawandels. Die Armee sei in den Ländern mit schwachen staatlichen Strukturen ein wichtiger Machtfaktor. In Guinea und Mali sind bereits Militärregierungen an der Macht. Der Putsch in Burkina Faso zeige abermals, dass auch die europäische Sahelpolitik überdacht werden müsse, sagte Laessing. Der Bundeswehreinsatz in Mali im Rahmen der Blauhelm-Mission Minusma trage zu Stabilisierung bei, aber weder das militärische Engagement, etwa im Rahmen der Ausbildungsmission EUTM, noch Entwicklungsprogramme hätten die Situation wirklich verbessert. Alternative Ansätze zu entwickeln, sei aber schwierig, räumte er ein. Strukturellen Konflikten wie Armut oder den Folgen des Klimawandels komme man weder militärisch noch mit Demokratisierungsprogrammen bei.

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