Krise im Sahel spitzt sich zu: Ursachen und Maßnahmen jenseits scheiternder Militärinterventionen

Aktualisiert: Feb 6

Sahel: Ökonomische, politische und ökologische Ursachen der Gewalteskalation

Die Krise im Sahel spitzt sich weiter zu. Begonnen hat es 2012 im Norden Malis. Seit 2016 sind auch die Nachbarländer Burkina Faso und Niger betroffen. Lange dominierten militärische Antworten. Mittlerweile wächst die Bereitschaft, die strukturellen Ursachen des Konflikts stärker zu berücksichtigen.




Französische Soldaten bei einem Einsatz gegen bewaffnete Terroristen während der Operation Barkhane in Burkina Faso 2019. Seit Beginn der Krise 2012 im Norden Malis versuchen europäische und afrikanische Regierungen, der Gewalt mit militärischen Mitteln Einhalt zu gebieten. (© picture-alliance/dpa, MAXPPP | Philippe De Poulpiquet)


Die Zahl der Attentate wächst ständig und mit ihr die Verzweiflung: Am 9. August 2020 wurden acht Menschen beim Besuch eines Giraffenparks nahe Kouré im Westen des Niger ermordet. Am 4. Oktober 2020 kamen in Pissila im Norden Burkina Fasos 25 Binnenvertriebene ums Leben. Sie waren auf dem Rückweg in ihre Dörfer, als ihr Buskonvoi angegriffen wurde. Am 5. Oktober 2020 errichteten dschihadistische Gruppen im Zentrum Malis einen Belagerungsring rund um das Dorf Farabougou. Fünf Menschen wurden getötet, der malischen Armee gelang es wochenlang nicht, die Angreifer zu vertreiben. Dies zeigt: Der westliche Sahel ist fest im Griff der Gewalt. Über eine Millionen Menschen mussten fliehen. Tausende Schulen sind geschlossen, viele seit mehreren Jahren. Bäuerliche Haushalte können ihre Felder nicht mehr bestellen, derzeit sind fünf Millionen Menschen auf Lebensmittelhilfe angewiesen.



Seit Beginn der Krise 2012 im Norden Malis versuchen europäische und afrikanische Regierungen, der Gewalt mit militärischen Mitteln Einhalt zu gebieten. Doch die Lage ist unübersichtlich. Neben radikalen Islamisten sind auch kriminelle Banden und lokale Selbstverteidigungsgruppen der Bevölkerung aktiv. Zudem spielen staatliche Sicherheitskräfte eine äußerst zwielichtige Rolle, regelmäßig kommt es bei Antiterror-Einsätzen zu schwersten Menschenrechtsverletzungen. Das ist der Grund, weshalb europäische Regierungen immer öfter die begrenzte Reichweite militärischer Maßnahmen unumwunden einräumen. Stattdessen steigt die Bereitschaft, die ökonomischen, politischen und ökologischen Wurzeln der Konfliktdynamik stärker zu berücksichtigen.[1]


Die Vielfachkrise im Sahel

Die Krise im Sahel ist eine Vielfachkrise, insbesondere vier Problemkomplexe leisten bis heute einen maßgeblichen Beitrag zur Entstehung dschihadistischer und krimineller Gruppen in der Region:

  1. soziale Krise

  2. Landkonflikte

  3. Klimawandel

  4. Staatsversagen.

(1) Soziale Krise

Im afrikanischen Kontext besteht ein enger Zusammenhang zwischen prekären Lebensbedingungen und gewalttätigem Dschihadismus. So hat die 2017 veröffentlichte UN-Studie "Journey to extremism in Africa"[2] gezeigt, dass dschihadistische Gruppen vor allem in Regionen operieren, die hohe Werte im "Index der mehrdimensionalen Armut" des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen aufweisen. Hierzu gehören Parameter wie der Anteil absolut armer Menschen an der Gesamtbevölkerung, die durchschnittliche Lebenserwartung oder die Dichte westlich geschulter Ärztinnen und Ärzte.[3]


Insofern verwundert es nicht, dass sich radikale islamistische Führer meist als Vertreter der armen Bevölkerungsschichten präsentieren, auch unter Bezugnahme auf dschihadistischen Reformbewegungen, die bereits im 19. Jahrhundert eine Vielzahl dschihadistischer Reiche im Sahel hervorgebracht haben. Ein Beispiel ist der Prediger Malam Ibrahim Dicko, der 2016 in Burkina Faso die Terror-Gruppe Ansar ul-Islam gegründet hat und 2017 bei bewaffneten Auseinandersetzungen ums Leben kam. Dicko stellte nicht nur die Vormachtstellung reicher Honoratiorenfamilien in Frage. Er kritisierte auch die systematische Diskriminierung der Rimaibé – das sind die Nachfahren von Sklaven innerhalb der Volksgruppe der Fulbe. Zudem wandte er sich gegen lokale Traditionen, wie aufwändige Hochzeiten und Taufen, die vor allem für die armen Bevölkerungsgruppen eine erhebliche finanzielle Belastung darstellen.[4]


(2) Landkonflikte

In Mali, Burkina Faso und Niger leben rund Zweidrittel der Bevölkerung auf dem Land. Umso gravierender ist, dass Acker- und Weideflächen in den letzten 30 Jahren zu einer hochgradig umkämpften Ressource geworden sind – erkennbar unter anderem an den stark gesunkenen Brachezeiten. Lange folgten im Sahel auf 4 bis 5 Jahre landwirtschaftlicher Bearbeitung 20 bis 30 Jahre Brache, um dem ausgelaugten Boden genügend Zeit zur Erholung zu geben. Heute haben sich die üblichen Brachezeiten auf wenige Jahre verringert, bisweilen wird sogar unter Nutzung von synthetischem Dünger zur permanenten Bodenbewirtschaftung übergegangen.


Die wichtigste Ursache dafür dürfte der demographische Faktor sein, also der Umstand, dass sich die Bevölkerungszahlen zwischen 1960 und 2020 mehr als vervierfacht haben – in Mali, Burkina Faso und Niger von 13,4 Mio. auf 61,8 Mio. Menschen. Die hohe Geburtenrate hat unter anderem mit prekären Lebensbedingungen zu tun: Weil es keine Sozialversicherungssysteme gibt, sind die Eltern im fortgeschrittenen Alter auf die Unterstützung ihrer Kinder angewiesen. Auch Frühverheiratung und unzulänglicher Schulbesuch von Mädchen tragen dazu bei, dass junge Ehefrauen weder um Empfängnisverhütung wissen, noch die Möglichkeit haben, Familienplanung gegen ihre Ehemänner durchzusetzen.


Weitere Ursachen für die Verknappung von Land sind "Landgrabbing" und Desertifikation. Bei Landgrabbing sind vor allem zwei Formen zu unterscheiden: Zum einen die Verpachtung riesiger Acker- und Weideflächen an agrarindustrielle Investoren oder Rohstoffunternehmen, zum anderen die Konfiszierung von Land durch staatliche Stellen oder (korrupte) Politiker, Beamte und Geschäftsleute.[5] Die Desertifikation immer größerer Landstriche hat seit Ende der 1960 Jahre extreme Ausmaße angenommen: Seitdem ist die Ackerbaugrenze im Sahel zwischen 30 und 150 Kilometer nach Süden gewandert, nicht nur wegen fehlender Niederschläge, sondern auch als Folge falscher Landnutzung. Neben der Überbeanspruchung durch Ackerbau sind v.a. die Übergrasung durch ständig größer werdende Viehherden und die Abholzung infolge des wachsenden Bedarfs an Brennholz bzw. Holzkohle zu nennen.


(3) Klimawandel

Nicht minder gravierend sind die Folgen des Klimawandels: Zwischen 1970 und 2010 ist es im Sahel um 0,6 bis 0,8 Grad heißer geworden. Zudem regnet es weniger und vor allem unregelmäßiger, was das Pflanzenwachstum erheblich beeinträchtigt, häufig in Kombination mit erschöpften Böden. Folge sind bereits heute massive Ernteeinbußen. Mittelfristig werden Ertragsrückgänge von mindestens 30% prognostiziert – bei weiterhin stark wachsender Bevölkerung. Ebenfalls dramatisch ist, dass seit den frühen 1980er Jahren Starkregenereignisse und riesige Gewitterkomplexe mit einer Mindestausbreitung von 25.000 Quadratkilometern erheblich zugenommen haben. Dies führt zu immer häufigeren Überschwemmungen mit milliardenschweren Schäden an Ernten, Häusern und Vieh.[6]


Und auch für Fischer- und Viehalter-Gemeinschaften ist der Klimawandel eine existenzielle Bedrohung. So sank das Fischaufkommen im Niger seit den 1990er Jahren um mindestens 50%, vor allem, weil der Fluss weniger Wasser führt und es daher weniger Laichplätze gibt. Viehalter müssen nicht nur beträchtliche Verluste an Weide- und Wasserressourcen verkraften, Hitze und Dürre verringern auch die Milchproduktion und reduzieren somit den Viehbestand, einschließlich schlechterer Fleischqualität.[7]


Die wohl fatalste Konsequenz von Bodenknappheit und Klimawandel dürfte darin bestehen, dass sich Land- und Weidekonkurrenzen zwischen halbnomadischen Viehhirten und sesshaften Ackerbauern massiv zugespitzt haben. Eigentlich wirtschaften die beiden Gruppen bereits seit langem komplementär: Erstens, indem die Tiere auf den abgeernteten Feldern die übrig gebliebenen Halme fressen können, zweitens, indem die dabei anfallenden Ausscheidungen die Felder düngen und drittens, indem Viehhirten und Ackerbauern Milch- und Getreideprodukte austauschen. Dieses Gleichgewicht ist jedoch unter Druck geraten: Immer mehr Weideland wird in Ackerland umgewandelt, während umgekehrt Viehherden regelmäßig auf noch nicht abgeerntete Felder geraten und dort beträchtliche Schäden anrichten.


Hinzu kommt, dass nicht nur die Durchzugswege für die riesigen Herden, sondern auch die Zugänge zu Wasserstellen immer öfter durch neu angelegte Felder blockiert werden. Ergebnis ist eine massive, mitunter auch tödliche Zuspitzung der Verteilungskonflikte. Denn friedliche Konfliktklärungsmechanismen kommen ungleich seltener zum Zuge – insbesondere, weil die dafür zuständigen staatlichen Gerichte und traditionellen Autoritäten wegen Korruption und Parteilichkeit bei weiten Teilen der Bevölkerung an Glaubwürdigkeit eingebüßt haben. Gleichzeitig instrumentalisieren dschihadistische Gruppen diese Konflikte, indem sie die Beteiligten gegeneinander ausspielen oder gar aufhetzen – ein Teufelskreis, der außerdem durch Selbstverteidigungsgruppen und staatliche Sicherheitsorgane angeheizt wird.[8]


(4) Staatsversagen

Weil die Regierungen und Verwaltungen ihre Aufgaben in ländlichen Regionen allenfalls rudimentär erfüllen, muss von einem umfassenden Staatsversagen gesprochen werden. In jüngerer Zeit haben sich die Missstände weiter verschlimmert, weil sich zahlreiche staatliche Akteure (z.B. Kommunalbeamte oder Sicherheitskräfte) aus Angst vor dschihadistischen Anschlägen in die größeren Städte abgesetzt haben. Konkret bedeutet dies: Der Staat gewährt weder demokratische Teilhabemöglichkeiten, noch sorgt er für Infrastruktur oder Basisdienstleistungen, wie Bildung, landwirtschaftliche Subventionen oder Gesundheitsversorgung. Er kann auch keine Sicherheit für die Bevölkerung garantieren, mitunter ist er selber Quelle von Unsicherheit.


Vertreter des Staates agieren zudem auf den unterschiedlichsten Ebenen korrupt, unter anderem im Justizwesen. Das umfasst auch politische Repression, insbesondere im Niger. In diesem Sinne betrachten zivilgesellschaftliche Akteure im Sahel dschihadistische Gewalt als bloßes Echo der Korruption, Willkür und Gewalt des Staates [9], wie auch Untersuchungen verdeutlichen. Beispielsweise berichtet das Forschungsnetzwerk Afrobarometer in einer 2019 veröffentlichen Studie, dass in Mali 49 Prozent der Bevölkerung Regierungsangehörige für korrupt halten.[10]


Wie sich radikale Islamisten festsetzen

Die vielfältigen Missstände erklären, warum und wie es dschihadistischen Gruppen in den letzten Jahren gelungen ist, an vielen Stellen in das gesellschaftliche Gefüge einzudringen und so bestimmte Segmente der Bevölkerung als Unterstützer zu gewinnen. Dschihadisten lassen ihren religiös-sozialrevolutionären Worten Taten folgen, sie machen dort konkrete Angebote, wo der Staat seine Bürgerinnen und Bürger im Stich lässt – notfalls auch durch die Androhung von Gewalt: Sie vermitteln zwischen Viehhirten und Ackerbauern als Streitschlichter oder ergreifen Partei für eine der beiden Seiten. Sie heben überhöhte Weidegebühren oder Geldstrafen für irregulären Holzeinschlag auf. Sie gehen gegen Banditen und Viehdiebstahl vor. Sie vertreiben staatliche Verwalter von Goldminen, um handwerklichen Goldschürfern bessere Konditionen zu gewähren.[11] Sie nehmen Jagdbeschränkungen in Naturschutzreservaten zurück. Sie bezahlen für Schmuggeldienste usw.


Kurzum: Sie machen viele Dinge, die bei Teilen der hochgradig prekarisierten Bevölkerung tendenziell auf Zustimmung stoßen. Sie sprechen alle Bevölkerungsgruppen an, auch wenn die Volksgruppe der Fulbe verstärkte Aufmerksamkeit erhält. Denn Fulbe sind empfänglicher für dschihadistische Rhetorik - insbesondere jene, die in ländlichen Regionen leben. Hintergrund ist, dass die halbnomadischen Viehhirten bereits seit der Unabhängigkeit gegenüber sesshaften Ackerbauern systematisch benachteiligt werden.[12] Die Folge ist, dass junge Fulbe bei vielen dschihadistischen Gruppen die Mehrheit der Mitglieder stellen, was wiederum in der übrigen Bevölkerung die bereits bestehenden Vorurteile stärkt und insofern ethnische Auseinandersetzungen begünstigt – unter anderem zwischen Fulbe und Dogon.


Fazit

Vor allem Akteure aus Burkina Faso und Mali halten die Gefahr eines Staatskollaps für ganz real. Entsprechend wird in Wissenschaft und Zivilgesellschaft der Ruf nach einem multidimensionalen und finanziell gut ausgestatteten Vorgehen immer lauter. Fünf Forderungen stehen im Zentrum der Debatte:


Erstens gilt es, militärische Maßnahmen auf das Allernötigste zu reduzieren, während umgekehrt lokale Dialog- und Friedensinitiativen zu stärken sind, um weitere (ressourcenbedingte) Eskalationen zwischen einzelnen Volksgruppen zu verhindern.


Zweitens sollten die staatlichen Institutionen ihre Aufgaben schnellstmöglich wieder aufnehmen bzw. auf das gesamte Staatsterritorium ausdehnen. Dabei geht es unter anderem um Infrastruktur, alltägliche Basisdienstleistungen (Bildung, Gesundheit usw.) und eine korruptionsfreie Justiz.


Drittens sind die Lebensbedingungen der Bevölkerung auf allen Ebenen zu verbessern, was nicht zuletzt umfängliche Maßnahmen gegen den Klimawandel erfordert – beispielsweise Bewässerungsprojekte jeder Art, Aufforstungsprogramme, agrarökologische Anbaumethoden, Katastrophenschutz und verbesserte Vermarktungsmöglichkeiten. Zugleich sollte den berechtigten Belangen von Viehhirten der Fulbe besondere Aufmerksamkeit entgegengebracht werden.


Viertens ist es erforderlich, zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen, insbesondere durch den schrittweisen Aufbau kleiner und mittlerer Betriebe. Nicht nur hierfür, sondern auch für die übrigen Maßnahmen bedarf es erheblicher finanzieller Unterstützung von außen. Eine Initiative der Vereinigung der Afrikawissenschaften in Deutschland (VAD) spricht sich daher für eine "Was immer es koste"-Initiative aus, um den drängenden Herausforderungen angemessen begegnen zu können.[13]


Fünftens werden diese und weitere Maßnahmen nur unter der Bedingung Erfolg haben, dass es zu einem neuen sozialen Vertrag zwischen Staat und Bürgern und Bürgerinnen kommt. Die Menschen im Sahel müssen endlich die Chance erhalten, aktiv an der Gestaltung ihres Gemeinwesens mitzuwirken. Der Etablierung bzw. Stärkung kommunaler Selbstverwaltungsstrukturen kommt daher eine besondere Bedeutung zu.[14]


Insgesamt ist festzuhalten, dass nur dort den dschihadistischen Gruppen der (Nähr-)Boden schrittweise entzogen werden kann, wo die menschliche Sicherheit im vollumfänglichen Sinne wiederhergestellt und gewährleistet wird.


Literatur

Asche, Helmut (2020): Konzeptpapier Sahel-/Burkina-Initiative. Fassung vom 11.April 2020.


Bernau, Olaf (2020): Kampffeld Sahelzone: Wie der Dschihadismus von der Klimakrise profitiert, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Februar 2020.


Fokus Sahel (2019): Wege aus der Gewalt? Dokumentation einer Tagung zu gewaltsamen Konflikten im Sahel.


Wiedemann, Charlotte (2018): Viel Militär, weniger Sicherheit. Mali – fünf Jahre nach Beginn der Intervention.


Links