Krieg in Kamerun: Tausende Tote, 700.000 Menschen vertrieben und "die Weltgemeinschaft" schaut weg

Bürgerkrieg in Kamerun: Schulen unter Beschuss

Seit vier Jahren tobt im Westen Kameruns ein Bürgerkrieg. Separatisten wollen ihren eigenen Staat, weil sie jahrelang von der Regierung vernachlässigt wurden. Um die Regierung unter Druck zu setzen, versuchen sie mit Gewalt die Schulen geschlossen zu halten.

Nsoh ist eines von mehr als 3000 Opfern des Bürgerkriegs im Westen Kameruns, der seit 2016 tobt. Damals protestierte die englischsprachige Minderheit friedlich gegen die Vernachlässigung durch die mehrheitlich französischsprachige Regierung in der fernen Hauptstadt Yaoundé – die reagierte mit Gewalt. Daraufhin gründeten sich verschiedene Separatistengruppen, kämpfen seither für die Abspaltung und ihren eigenen Staat: Ambazonien. über den Link zum Videobericht.




Bürgerkrieg in Kamerun - Schulen unter Beschuss (deutschlandfunk.de)


Der vergessene Konflikt: Kamerun droht der Bürgerkrieg

17.04.2020

Abseits der internationalen Aufmerksamkeit schwelt seit Jahren ein Konflikt in Kamerun. Tausende Menschen werden gewaltsam vertrieben, ein blutiger Bürgerkrieg droht – der sich um mehr dreht als eine gemeinsame Sprache.


Fast 700.000 Menschen sind durch die anglophone Krise in der Nordwestprovinz Kameruns vertrieben worden. Viele davon warten auf humanitäre Hilfe. (UNHCR/Will Swanson) Es war ein blutiges Massaker, das die Bewohner des Dorfes Ngarbuh in der Nordwestprovinz Kameruns erleben mussten. "Sie brechen die Türen auf, schießen auf diejenigen, die da sind, und zünden die Häuser an", berichtet ein Bewohner aus der betroffenen Gemeinde. Mindestens 22 Zivilisten, darunter 14 Kinder, sollen bei dem Angriff auf das Dorf im Februar getötet worden sein – mutmaßlich von den Sicherheitskräften der eigenen Regierung. Die spricht von einem "bedauernswerten Unfall" und spielt den brutalen Konflikt herunter, der seit Jahren im nordwestlichen, an Nigeria grenzenden Teil Kameruns heranwächst. Kamerun: Zwei Sprachen, eine koloniale Vergangenheit In dem zentralafrikanischen Staat stehen sich Separatisten und Sicherheitskräfte der Regierung in einem bewaffneten Konflikt gegenüber, der seine Wurzeln in der Zweisprachigkeit des Landes hat – und damit auch in seiner kolonialen Geschichte. Als ehemalige Kolonie des Deutschen Reichs wurde Kamerun nach dem ersten Weltkrieg über den Völkerbund zwischen Großbritannien und Frankreich aufgeteilt. Großbritannien erhielt ein Mandat für die nordwestliche Grenzregion zu Nigeria, Frankreich für den weitaus größeren Rest des Landesgebietes. Die beiden Kolonialmächte prägten seitdem wesentlich – und teils gewaltsam – die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die Kultur in ihren Mandatsgebieten. Im Nordwesten wurde Englisch die neue Amtssprache, außerdem orientierte sich das neue Rechts- und Bildungssystem an dem von Großbritannien. Im Rest des Landesgebietes prägte Frankreich die sozialen, rechtlichen und politischen Normen und schuf einen zentralistischen Staatsaufbau nach französischem Vorbild. Als der französischsprachige Teil Kameruns 1960 seine Unabhängigkeit erlangte und sich der englischsprachige Teil nach einer Volksabstimmung an die neugegründete Republik anschloss, sollten sich eigentlich die Unterschiede der beiden Regionen in einer föderalen Struktur widerspiegeln. Zwar ist Kamerun bis heute offiziell eine zweisprachige Nation, doch der Föderalismus funktionierte bisher nur auf dem Papier – und zuletzt nicht einmal das. Separatisten rufen neue Republik "Ambazonien" aus Seit der Unabhängigkeit wurden unter der englischsprachigen Minderheit, die rund ein Sechstel der kamerunischen Bevölkerung ausmacht, immer wieder Stimmen laut, welche die Nordwestprovinz politisch und sozial benachteiligt sahen. So werden politische und administrative Ämter oft für Französischsprachige ausgeschrieben, auch der Unterricht und die Prüfungen an den öffentlichen Universitäten ist häufig ausschließlich auf Französisch. Viele englischsprachige Kameruner und Kamerunerinnen fordern daher seit Jahren mehr Föderalismus und politische Anerkennung. Der schwelende Konflikt wurde seit der Unabhängigkeit jedoch lange unterdrückt und eskalierte schließlich im Jahre 2016, als der seit 1982 regierende Präsident Paul Biya neben dem Bildungssystem auch das Rechtssystem frankophonisieren wollte. Auf die friedlichen Proteste gegen die Reform im britisch geprägten Teil des Landes antwortete die Regierung mit Gewalt und hunderten willkürlichen Verhaftungen. Im Januar 2017 schaltete die Regierung in der Nordwestprovinz für drei Monate das Internet ab – einer der vielen fatalen Schritte, mit der die Regierung die ohnehin schon existierenden politischen Gräben zwischen den beiden Landesteilen weiter vertiefte. Separatisten riefen noch im selben Jahr eine eigene Republik mit dem Namen "Ambazonien" aus, sogar Nationalflagge und Währung hat man schon für die Idee einer neuen Nation entworfen. In der anglophonen Krise sind vor allem Kinder die Leidtragenden Ein funktionierendes Bildungssystem fehlt allerdings in der international nicht anerkannten Republik: Nach Angaben von UNICEF sind dort mehr als 80 Prozent der Schulen geschlossen, weil einige separatistische Gruppierungen Schulen als verlängerten Arm der verhassten Regierung sahen und sie daher blockierten oder angriffen. Mehr als 855.000 Kinder können in der Folge des Boykotts daher nicht mehr zur Schule gehen. Ein Bürgerkrieg droht und kaum einer schaut hin Die anglophone Krise in Kamerun ist trotz aller dramatischer Entwicklung ein Konflikt, der sich abseits der internationalen Aufmerksamkeit abspielt. "Die Angriffe auf Zivilisten nehmen immer weiter zu", sagt die UN-Koordinatorin für humanitäre Angelegenheiten in Kamerun Allegra Baiocchi. Trotzdem müssten aufgrund der Unterfinanzierung von Hilfsprogrammen viele Betroffene "ohne jede humanitäre Hilfe unter härtesten Bedingungen leben", so Baiocchi. So konnten nur rund 40 Prozent der Betroffenen 2019 von den Vereinten Nationen und ihren lokalen Partner versorgt werden – was nicht zuletzt daran liegt, dass sich die kamerunische Regierung unter Paul Biya quer stellt. "Die Regierung versucht, unsere Arbeit zu gefährden und uns in schlechtem Licht dastehen zu lassen", sagte der UNOCHA-Koordinator für humanitäre Hilfe in Kamerun Mobido Traore in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur The New Humanitarian. "Sie wollen nicht, dass Außenstehende mitbekommen, was hier passiert." Hunderttausende sind auf der Flucht Was in der Nordwestprovinz Kameruns gerade passiert, ist indes dramatisch: Die Kämpfe zwischen separatistischen Gruppierungen und Regierungskräften forderten seit 2016 mehr als 3000 Tote, rund 680.000 Menschen sind nach Angaben der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR in der Region seitdem auf der Flucht. Die Dunkelziffer könnte hier erheblich höher sein, da sich viele vor der ausufernden Gewalt in der Wildnis verstecken müssen. Ein kleiner Hoffnungsschimmer: Angesichts der Corona-Pandemie erklärte die separatistische militante Gruppierung „Southern Cameroon Defence Forces“ eine Waffenruhe ab dem 29. März und folgt damit dem Ruf nach einer globalen Waffenruhe von UN-Generalsekretär António Guterres. Die größte militante Separatistengruppierung Ambazonian Defence Forces (ADF) will sich allerdings nicht der Waffenruhe anschließen – die Kämpfe werden also mutmaßlich weitergehen. Für Allegra Baiocchi muss die anglophone Krise in Kamerun endlich auf die Agenda der Vereinten Nationen gesetzt werden. Sie forderte bereits letztes Jahr: „Kamerun darf heute keine vergessene Krise mehr sein.“ Der UN-Sicherheitsrat hat sich jedoch bisher noch nicht dazu geäußert.

Der vergessene Konflikt: Kamerun droht der Bürgerkrieg - Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V. (dgvn.de)


Ambazonien

Der ignorierte Konflikt in Kamerun

Seit 2017 wütet im Südwesten Kameruns ein bewaffneter Konflikt zwischen dem autokratisch regierten Zentralstaat und Separatisten. Er gehört zu den politisch und journalistisch am stärksten vernachlässigten Krisen der Welt. Die humanitäre Hilfe ist dramatisch unterfinanziert. Von JAN-NIKLAS KNIEWEL

Drei mutmaßliche Separatistenkämpfer zerren am 11. August eine gefesselte Frau über den Boden und schlagen sie. Dann schneiden die Männer der 35-jährigen Mutter von vier Kindern die Kehle durch. Sie soll mit dem kamerunischen Militär kollaboriert haben.1 Ein Video dokumentiert die Szene. Sie ist ein weiteres Kapitel in einem brutalen Konflikt, der international kaum Aufmerksamkeit erfährt. Im Südwesten Kameruns versuchen Aufständische seit 2017, eine unabhängige Republik Ambazonien zu erkämpfen. Sie beklagen die Marginalisierung der dort lebenden englischsprachigen Minderheit durch die von der französischsprachigen Mehrheit beherrschte Regierung.


Militär und Separatisten sind für schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen verantwortlich. Soldaten waren im Februar an einem Massaker im Dorf Ngarbuh beteiligt. Mindestens 21 Zivilisten starben, darunter 13 Kinder. Die Bewohner sollen Separatisten Unterschlupf gewährt haben.2 Regelmäßig kommt es zu Entführungen, Kämpfen und Morden. Auch Kliniken und humanitäre Helfer geraten immer wieder in Gefahr. Schon vor der Covid-19-Pandemie konnten etwa 70 Prozent der Kinder in den vom Konflikt betroffenen Regionen nicht zum Unterricht gehen.3 Immer wieder griffen Separatisten Schulen und Lehrer an, um einen Bildungsboykott zu erzwingen.


KATAPULT - Der ignorierte Konflikt (katapult-magazin.de)

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