Informieren und Diskutieren: In Westafrika breitet sich die Gewalt aus. Kann das gestoppt werden?

In Westafrika und vor allem in der Sahelzone steht ein Land nach dem anderen vor dem Zusammenbruch. Der Westen schickt Soldaten. Aber die Gewalt wird dadurch nicht eingedämmt. Sie breitet sich seither noch mehr aus. Die Koalition aus französischem und US-Militär mit afrikanischen Autokraten tötet inzwischen mindestens genauso viele Menschen wie die Jihadisten. Und sie schafft damit den Jihadisten immer mehr Zulauf.

Ein Bericht des Center for Civilians in Conflict mit dem Titel "The People es Perspective: Civilian Involvement in Armed Conflict" stellte fest, dass die meisten Kämpfer nicht so sehr durch Religion oder Ideologie motiviert sind als durch den rationalen Wunsch, sich selbst, ihre Familien oder ihre Gemeinschaften vor Gewalt anderer zu schützen. Eine weitere Studie mit dem Titel "Journey to Extremism in Africa: Drivers, Incentives and the Tipping Point for Recruitment" des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen ergab, dass der Wendepunkt oder der letzte Strohhalm, der mehr als 70 Prozent der Kämpfer dazu treibt, sich bewaffneten Gruppen anzuschließen, die Tötung oder Inhaftierung eines Familienmitglieds durch so genannte Antiterror- oder Sicherheitskräfte ist. Die Studie entlarvt die US-Marke militarisierter Terrorismusbekämpfung als einen sich selbst verewigenden Kreislauf der Gewalt, der einen endlosen Pool von "Terroristen" erzeugt und auffüllt, da er Familien, Gemeinschaften und Länder zerstört.


In einem kürzlich veröffentlichten Bericht von Burkina Faso for Vicezitierte Nick Turse Berichte der US-Regierung, die beschreiben, wie fünfzehn Jahre US-geführter Terrorismusbekämpfung eine Explosion der Gewalt in Westafrika ausgelöst haben. Das Afrika-Zentrum für Strategische Studien des Pentagon berichtete, dass im vergangenen Jahr etwa 1.000 gewalttätige Zwischenfälle in Burkina Faso, Mali und Niger fast 8.000 Menschen das Leben kostete. Héni Nsaibia, Senior Researcher bei ACLED (Armed Conflict Location & Event Data Project), erklärte Turse, dass es ein großer Fehler gewesen sei, sich auf westliche Konzepte des "Terrorismusbekämpfung" zu konzentrieren und sich einem streng militärischen Modell zu zu eigen zu machen. Sie ignorierte die Triebkräfte der Militanz, wie Armut und mangelnde soziale Mobilität. Sie versäumte, die Bedingungen zu lindern, die Aufstände fördern, wie die weit verbreiteten Menschenrechtsverletzungen durch Sicherheitskräfte. Das hat irreparablen Schaden angerichtet.

Tatsächlich berichtet die New York Times, dass "Antiterror"-Kräfte in Burkina Faso so viele Zivilisten töten wie die "Terroristen", die sie bekämpfen sollen. In ähnlicher Weise dokumentierte ein Länderbericht des US-Außenministeriums über Burkina Faso aus dem Jahr 2019 Vorwürfe von "Hunderten außergerichtlicher Tötungen von Zivilisten als Teil seiner Strategie zur Terrorismusbekämpfung", bei denen hauptsächlich Mitglieder der ethnischen Gruppe der Fulani getötet wurden.

Souaibou Diallo, der Präsident einer regionalen Vereinigung muslimischer Gelehrter, sagte Turse, dass diese Gräueltaten der Hauptfaktor sind, der die Fulani dazu treibt, sich militanten Gruppen anzuschließen. "Achtzig Prozent derjenigen, die sich terroristischen Gruppen anschließen, sagten uns, dass es nicht daran liegt, dass sie den Dschihadismus unterstützen, sondern daran, dass ihr Vater oder Ihre Mutter oder ihr Bruder von den Streitkräften getötet wurde", sagte Diallo. "Es wurden so viele Menschen getötet – ermordet –, aber es gab keine Gerechtigkeit." Während des gesamten "Krieges gegen den Terror" haben beide Seiten die Gewalt ihrer Feinde genutzt, um ihre eigenen Eskalationen zu rechtfertigen, was eine scheinbar endlose Spirale von Gewalt und Chaos schürte, die sich von Land zu Land und von Region zu Region ausbreitete.

Wir brauchen dringlich eine öffentliche Diskussion, wie diese Entwicklung gestoppt werden kann.

Die Französische Regierung will die Jihadisten "enthaupten" und eskaliert den bisher erfolglosen militärischen Weg. Sie drängt die anderen europäischen Staaten, sich stärker zu beteiligen, um doch noch zu "siegen". Nach den bisherigen Erfahrungen wird das die jihadistischen Gruppen nur stärken, immer mehr Afrikaner*innen das Leben kosten und dann auch immer mehr europäischen und US-Amerikanischen Soldaten.

Helft uns mit, diese tödliche Entwicklung zu stoppen.

Wolfgang Lieberknecht

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