Flüchtlinge bieten uns eine Chance: Wenn wir eine Welt wollen, die für alle funktioniert!

Nach der Menschenrechtserklärung verstehen wir uns seit 1948 als eine menschliche Familie, zu alle Menschen gehören. Sie stellt uns die Aufgabe so zusammenzuarbeiten, dass wir weltweit alle menschenwürdig leben können: Der Gedanke des Humanismus und aller Religionen.

Das Grundgesetz greift den weltbürgerlichen Gedanken im Grundrecht 1.2. auf: "Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt." Aber was wissen wir über die Welt und wie können wir als Einzelne mit Menschen in aller Welt für dieses Ziel zusammenarbeiten? Seit Ende der 80er Jahre war es für uns einfacher Menschen aus aller Welt in Deutschland kennenzulernen, etwas von ihnen über ihre Heimatländer zu erfahren und zu diskutieren, wie Menschenrechte in anderen Ländern umgesetzt werden können. Viele Menschen kamen als Asylsuchen aus vielen Ländern nach Deutschland. Konnte man mit ihnen die weltweite Zusammenarbeit "von Unten" stärken?

Im Main-Kinzig-Kreis haben wir es versucht, mit den Flüchtlingen eine Zeitung herausgegeben und verteilt und dann "aktive Flüchtlingsheime" aufgebaut.

Zwei Artikel in der "Tageszeitung" TAZ erschienen damals dazu, wir haben sie hier aufgeführt. Aus diesen Initiativen ging die Gruppe Black and White hervor, die dann zu einem 500.000 Kinder und Jugendliche über Schulprojekttage erreichte, zum anderen auch Flüchtlingen durch eigene Arbeit die Möglichkeit eröffnete, nicht abgeschoben zu werden, weil sie sich durch eigene Arbeit ihren eigenen Unterhalt verdienten. Hier zunächst ein Video über einen der Projekttage und die Geschichte der Gruppe, dann ein Link zu anderen Videos und Zeitungsberichten über die Projekttage der Gruppe:


https://www.initiative-blackandwhite.org/schulprojekttage

und nun zu den Artikeln aus der TAZ:

Musizieren statt warten Jeder Asylbescheid wirft die Gruppe „Black and White“ zurück. Egal, wie er ausfällt: Die selbstverwalteten Flüchtlinge verlieren einen ihrer Musiker VON HEIDE PLATEN

Michael Kiwanuka und sein Kollege David verabschieden sich nach dem Mittagessen. Kiwanuka sieht trotz Sommerhitze aus wie aus dem Ei gepellt mit dem makellos gebügelten Hemd, den schmalen Händen, der leisen Stimme und der großen Brille vor den sanften Augen. Er wechselt direkt vom Computer zur Schaufel. Auf dem Friedhof im osthessischen Hammersbach-Marköbel muss ein Grab ausgehoben werden. Am Vormittag haben sie das Gras in den Anlagen der kleinen Gemeinde gemäht. Das ist für sie nicht nur gemeinnützige Arbeit, sondern Integration.


Fleißige Kollegen

Die beiden sind aus ihren Heimatländern in Afrika geflohen und haben in Deutschland einen Asylantrag gestellt. Sie wohnen im Ort zusammen mit sechs anderen Erwachsenen und zwei Kindern in einer ehemaligen Schlosserei. Sie haben das schmale, zweistöckige Backsteinhaus mit acht Zimmern gemietet und den Verein „Black & White“ gegründet. Sie verwalten und versorgen sich von den Sozialamtssätzen selbst. Das Projekt ist als selbst verwaltetes Asylantenheim ein Unikum in der Bundesrepublik. Die Gruppe hat ihr Leben in der Warteschleife selbst in die Hand genommen, tingelt seit März 2001 durch die Region, tanzt, spielt, singt. Die Seele der Initiative, sagen die anderen, sei der Ugander Michael Kiwanuka. Er lebt seit 1996 in der Bundesrepublik und legt den größeren Wert auf den zweiten Teil des Projektes: Vorträge in Schulen, in Kirchen und Vereinen. „Black & White“ informiert über die Zustände in den Ländern Afrikas, die Ursachen und Gründe der Flucht.

  Auf dem Bauhof am Ortsrand wartet Rudi schon auf seine Kollegen. Er zollt den Afrikanern Respekt: „Das sind keine Dummen. Die können mehr Sprachen als wir.“ Auch der Leiter des Bauhofes ist zufrieden. Kollegial seien die Leute aus der Schlosserei. Und vor allem: „Die können selbstständig arbeiten!“ Rudi schwärmt fast: „Sie sind sehr ruhig, nett, bekommen schnell Kontakt.“ Und arbeiten könnten sie für die zwei Mark Aufwandsentschädigung pro Stunde so viel wie drei. Kiwanuka, seine Frau Yudayah, David aus dem Norden der Elfenbeinküste und die anderen Afrikaner sind im Ort integriert. Der Main-Kinzig-Kreis unterstützt das Projekt, erteilt großzügig Reiseerlaubnisse. Beim Dorffest der Geflügelzüchter, bei Schützenfest, Fußball und Krippenspiel spielt und trommelt „Black & White“: „Kumbaya, My Lord“, die Hymne das African National Congress (ANC), „Gott schütze Afrika“. Und: „Die Gedanken sind frei“. Die Frauen verkaufen Sombosa – mit Gemüse gefüllte Teigtaschen.

Das Gemeinschaftsleben, sagt Kiwanuka streng, sei nicht das einer afrikanischen Großfamilie: „Dazu sind wir zu verschieden. Es gibt viele Länder in Afrika.“ Der Alltag hat sich im Lauf der Zeit verändert. Am Anfang gab es eine große, idealistische Wohngemeinschaft mit gemeinsamer Küche und Kasse. Inzwischen sind die Ansprüche aneinander geringer geworden, das Leben der Einzelnen ist privater. Die Gemeinschaftsaufgaben werden verteilt, aber jeder kocht wieder für sich, zieht sich zurück, hat eigene Beziehungen. Die Geschmäcker, aber auch die Weltanschauungen waren zu verschieden. Auch die vorübergehende Einigung über die Haussprache Englisch wurde brüchig.

Für einige Ugander war der Zungenschlag der ehemaligen Kolonialisten in den eigenen vier Wänden auf Dauer nicht erträglich. Sie bevorzugen das Luanda ihrer Vorfahren. Eine kompromissbereite Minderheit konnte sich nicht durchsetzen. Das ist schwer für den im französischen Sprachraum aufgewachsenen David, der mittlerweile in einem Gemisch von Französisch, Englisch und Deutsch parliert.

Wolfgang Lieberknecht, der einzige Weiße im Projekt, hält sich zurück. Der ehemalige Schriftsetzer und Journalist war einmal ein Macher, einer, der die ganze Welt verändern und den Globus in Frieden vernetzen wollte. Er hat Hilfsaktionen für Russland und Flüchtlingsinitiativen mit gegründet und schon einmal ein selbst verwaltetes Asylbewerberheim ins Leben gerufen, aus dem dann gar zwei wurden. Beide gibt es in dieser Form nicht mehr. Auch die Gründung eines multikulturellen Dorfes mit Seminarräumen als Dreh- und Angelpunkt kontinentübergreifender schwarzweißer Gemeinsamkeit scheiterte, war viel zu groß, um nicht konfliktreich zu sein. Lieberknecht resignierte, zog sich zurück, bis einige der Afrikaner das Heft in die Hand nahmen, ihn aus der selbst gewählten Isolation wieder herausholten. Sie bestellten ihn zum Koordinator der Vereinsaktivitäten von „Black & White“.

Der Alltag wird eher locker geteilt. Einmal pro Woche treffen sich alle zur Hausversammlung, Entscheidungen werden im Konsens getroffen. Bindeglied ist der Verein, den sie durch ihre Auftritte finanzieren. Die ersten afrikanischen Trommeln haben sie einer ugandischen Musikgruppe auf Deutschland-Tournee abgekauft. Zuerst traten sie als Straßenmusiker auf, mittlerweile werden sie eingeladen. Anfang August spielten sie eine Woche auf der Nordseeinsel Borkum.

Auch das Musizieren ist nicht einfach: Wenn der beste Trommler die freudige Nachricht von der Genehmigung seines Asylantrages erhält und auszieht, wirft das die Gruppe zurück. Kiwanuka bremst, wenn Lieberknecht alles wieder mal nicht schnell genug geht und er darüber nachdenkt, aus der Musik einen Beruf zu machen, sich zu professionalisieren. Eigentlich, sagt er, sei das Arbeitsverbot für Asylanten „für uns ideal“ gewesen. Die freien Kapazitäten konzentrierten sich ganz auf den Verein und die Musik. Jetzt lernt einer der besten Trommler Schweißen und Metallverarbeitung. Alle wollen arbeiten, verschieben die Proben auf den Feierabend und das Wochenende.


Asylantrag abgelehnt

A. will ihren Namen nicht nennen. Sie war schon beim ersten Projekt dabei und ist die Lead-Sängerin der Musikgruppe. Die Kriegswaise war in ihrer Heimat aktive Kämpferin, Mutter von drei Kindern, zwei musste sie bei der Flucht zurücklassen, eines wurde in Deutschland geboren. A. ist eine selbstbewusste Frau. Auch sie landete in Deutschland zuerst in einem thüringischen Asylantenlager, 600 Leute in einer ehemaligen russischen Kaserne, nur 15 Schwarze: „Ich hasste das sehr.“ Mittlerweile ist sie auf einer Tournee noch einmal in den Ort zurückgekehrt. Vorher, sagt sie, „waren alle unfreundlich“, plötzlich aber sei sie hofiert worden: „Das war so verrückt. Ich war doch derselbe Mensch!“

Die Stimmung, sagen alle, ist seit einigen Wochen gedrückt. Ausgerechnet Michael Kiwanuka soll nicht als Asylbewerber anerkannt werden. Das Verwaltungsgericht Gera lehnte seinen Antrag ab. Kiwanuka, Sohn aus gutbürgerlichem Haus, hatte nach dem Studium zuerst in der Kriegsregion nördlich der Hauptstadt Kampala für das Deutsche Rote Kreuz gearbeitet. Eigentlich sei er damals ein unpolitischer Mensch gewesen, der als Manager „nur gutes Geld verdienen“ wollte. Das Elend der Kinder habe ihm „die Augen geöffnet“. Er schloss sich 1986 dem Umsturz und dem neuen Präsidenten Yoweri Museveni an. In dessen Geheimdienst avancierte er 1987 zum hohen Funktionär: „Da habe ich wieder zu viel mitgekriegt.“

Die Museveni-Regierung, stellte er fest, sei ebenfalls zutiefst undemokratisch und habe gegen die Menschenrechte verstoßen: „Die haben nachts die Eltern ermordet und am Tag die Kinder rekrutiert.“ Er wurde zum scharfen Regimekritiker und Mitbegründer der Oppositionspartei Nationale Demokratische Allianz (NDA), die ein Mehrparteiensystem fordert. 1996 wurde er gewarnt. Er floh nach Kenia, war dort aber wegen eines Auslieferungsabkommens nicht sicher. Eigentlich wollte er in die Niederlande, konnte sich aber nur ein deutsches Einreisevisum besorgen: „In Afrika gelten die deutschen Menschen nicht als sehr freundlich.“

In Deutschland angekommen, fand er seine Ängste bestätigt. Er landete in einem thüringischen Asylantenheim, war „abgeschnitten und isoliert“. Nach und nach baute er den Kontakt zu seinen Landsleuten auf und wurde Vorsitzender der Exil-NDA. Er gilt bei Experten als hoch gefährdet. Seine Frau wurde in Uganda gefoltert und folgte ihm in die Bundesrepublik. 1997 hörte er von Lieberknechts erstem Projekt und schaffte den Wechsel nach Hessen: „Das war wie ein anderer Teil Deutschlands.“ Nach der ablehnenden Entscheidung des Verwaltungsgerichtes Gera sei er „in ein tiefes Loch gefallen“.

Kiwanuka versucht eine Erklärung: „Die Deutschen sind nicht anders als andere Leute auch.“ Er verstehe schon, dass Deutschland Probleme mit Ausländern habe. Das liege an der Tradition und auch daran, dass das Land mehr Flüchtlinge aufnehme als andere Länder, aber auch daran, dass die Informationen über die politischen Zusammenhänge nicht ausreichend vermittelt würden. Bei seinen Vorträgen habe er festgestellt: „Viele sind überrascht, wenn sie Informationen bekommen. Sie wissen so wenig über Afrika.“

https://taz.de/Archiv-Suche/!1156825&s=Hammersbach&SuchRahmen=Print/


Im „Grünen Baum“ wird afrikanisch gekocht

In Hessen verwalten 32 Asylbewerber ihr Wohnheim und ihren Alltag selbst. Ein von Deutschen gegründeter Verein macht das möglich, und ein Dorf im Spessart hält das aus  ■ Aus Biebergemünd-Lützel Heide Platen Chid Chamberlain, der stämmige, kugelrunde Rechtsanwalt aus dem subtropischen Westafrika, ist in die Einöde geraten: Hinter dem letzten Haus des osthessischen Dörfchens hört die Welt auf. Auf den Weiden grasen Galloways. Sonst nur Spessarthügel und Natur. Ausgerechnet hier fühlt sich der Asylbewerber Chamberlain seinem Ziel näher als anderswo: der „einen“, friedlichen Welt. Für sie kann er sich wortreich begeistern. Und sie beginnt für ihn hier, im ehemaligen Ausflugslokal „Grüner Baum“ von Biebergemünd-Lützel, heute ein Asylbewerberheim.

Es ist das zweite selbstverwaltete Asylheim in der Bundesrepublik und ist im Mai 1997 eröffnet worden. Das Haus wird von einem fünfköpfigen Team der „Zukunftswerkstatt: Weltpartnerschaft“ verwaltet. Der 1992 gegründete Verein eröffnete 1996 auch das erste selbstverwaltete Heim in der nahe gelegenen Gemeinde Aufenau.

Chamberlain, der vor viereinhalb Jahren aus der liberianischen Hauptstadt Monrovia nach Deutschland flüchtete, sitzt im fünfköpfigen Leitungsgremium des Heims, das sie „Global Village“ nennen. Gemeinsam mit dem stillen Michael Kiwanuka aus Uganda und dem unbeschwerten Sunday Mukete Epie aus Kamerun, der im dörflichen Fußballverein kickt. Und den beiden Deutschen Anke Sielemann und Wolfgang Lieberknecht. Der 45jährige Lieberknecht ist der Motor der Unternehmung, ein „Macher“, ein Workaholic, dem seine Erfahrungen eigentlich längst die Flügel auf ein realistisches Maß hätten stutzen müssen. Doch seine afrikanischen Kollegen urteilen trocken: „Der will immer das Maximum.“

Der Macher selbst meint, er sei ruhiger geworden nach dem Rückschlag, den der Verein 1996 verkraften mußte. Damals hatte er mit Unterstützung Prominenter 100.000 Mark für den Kauf eines eigenen Hauses gesammelt, in Naumburg sollte es sein, ein Schloß. „Aber“, sagt Lieberknecht heute, „das war für uns viel zu teuer und zu groß.“ Spender mußten wieder ausbezahlt werden. Der Rest des Geldes wurde teils in den Neuanfang gesteckt, teils auf ein Sperrkonto eingezahlt. Der erste Versuch, selbst Hausherr eines Asylheims zu werden, endete „mit einem Riesenstreit“.

Der zweite Versuch war das Heim im nahe gelegenen Aufenau, alles etliche Nummern kleiner und streckenweise „ein Horror“. Die erste Gruppe von Asylbewerbern rebellierte gegen die Leitung. Lieberknecht: „Die haben uns nicht mehr geglaubt.“ Mittlerweile läuft sowohl in Aufenau wie in Biebergemünd-Lützel vieles: Deutschunterricht, Computerkurse, Seminare und Erwachsenenbildung in Hessen und Thüringen. „Global Village“ ist nicht nur Wohnheim, sondern auch Tagungszentrum, die Asylbewerber bieten die Veranstaltungen selbst an.

Dem winzigen Büro ist das nur bedingt anzusehen: Papierberge überall, dazwischen Tassen, unter dem Tisch spielen Kinder und applizieren Bauklötzchen und Bonbonpapier zwischen die Aktenordner. Mittags sitzt Lieberknecht, Jeans und Finger tintenbekleckst, im Saal des ehemaligen Landgasthauses vor einem schlaraffenlandgroßen Berg Reis. Obenauf türmen sich gehacktes Gemüse und Hühnerbeine. Die Küche, in deren Kasse jeder einen kleinen Betrag einzahlt, ist fest in afrikanischer Hand.

Seit er so bekocht wird, hat der ehemalige Schriftsetzer, Fabrikarbeiter und Lokaljournalist ordentlich zugenommen. Die Zeiten, in denen er sich – immerhin Sohn eines Möbelfabrikbesitzers – im Dienste der Weltrevolution aus den kapitalistischen Betrieben werfen ließ, sind vorbei. Sie haben ihn, sagt er heute, weniger geprägt als seine protestantische Großmutter mit ihren moralischen Bibelgeschichten. Die Zeiten allerdings, in denen er Asylbewerber, „die Opfer“, stets für „die besseren Menschen“ hielt, sind auch vorbei.

Das hat ihm das „Global Village“ ausgetrieben, dessen Mitbegründer er wurde nach seinem Engagement für Hilfstransporte in die ehemalige UdSSR. Das lief irgendwann ohne ihn. In den leerstehenden US-Kasernen im hessischen Gelnhausen waren inzwischen Asylbewerber einquartiert worden: Lieberknecht kümmerte sich. Er organisierte mit den Bewohnern zusammen eine Zeitung und Veranstaltungen über Fluchtursachen.

So kam er zur Arbeit mit Flüchtlingen und schließlich zu der Idee, ihnen die Gestaltung ihres Wohnumfeldes und ihres Alltags möglichst weitgehend selbst zu überlassen. Ein Paradies ist das „Global Village“ jedoch nicht: Auch hier müssen sich 32 Menschen in winzigen Zimmern auf den gesetzlich vorgeschriebenen sechs Quadratmetern pro Person zusammenquetschen: „Mehr Lebensqualität ist nicht drin bei einem Tagessatz von unter 14 Mark pro Person“, sagt Lieberknecht. In jedem Raum unter den Dachschrägen stehen drei Betten, Fußende an Fußende, es ist kaum Platz für Schränke und Koffer. Daß das Geld so knapp zugeteilt wird, wollen viele Asylbewerber nicht glauben und lasten die Enge dem Führungsteam an. Das weiß auch Chid Chamberlain: „Die haben eine wahnsinnige Erwartungshaltung.“ Die werde schon zu Hause vor allem von den US-amerikanischen Fernsehserien und wohlhabenden Touristen geprägt: „Ich selbst“, lacht Chamberlain, „habe hier zum ersten Mal einen weißen Mann bei der Arbeit schwitzen sehen.“ Das war ein Lastwagenfahrer am Straßenrand, der Kisten schleppte.

Die Asylbewerber, so das Credo der „Zukunftswerkstatt“, sollen nicht jahrelang untätig auf ihre Abschiebung warten. Sie sollen helfen, über Fluchtursachen in ihren Ländern aufzuklären, sie zu beseitigen. Sie können dabei Qualifikationen erwerben. Und, wenn man ihnen nur zuhörte, könnten sie wie ein Frühwarnsystem wirken. So hätten politische Flüchtlinge, erzählt Chamberlain, schon vor Jahren vor einer Zuspitzung der Konflikte in Kenia gewarnt. Auch über das verschärfte soziale Klima in Deutschland klären die informierten Asylbewerber von „Global Village“ andere auf: „Viele wissen das gar nicht.“

Mittlerweile wird in dem 200-Einwohner-Ort – nach anfänglicher Irritation – auch die Trommlergruppe „Global Villagers“ toleriert, die zu kleinen Konzerten über die Dörfer tourt. Die Nachbarin, die das Haus vom Balkon aus gut im Blick hat, achtet streng darauf, daß die Fenster geputzt werden: „Das da muß aber noch!“ Dann darf auch getrommelt werden: „Das halten wir schon aus, wenn alles ordentlich ist und nicht überhand nimmt.“

Mit Aggressionen, so Lieberknecht, habe er bisher „nie von außen, nur von innen“ fertig werden müssen. Vor Feuer hat er besonders Angst. Immer wieder, wenn es Kontroversen gab, drohten Heimbewohner damit, das Haus anzuzünden. Das hat ihn besonders erschreckt, „daß das von denen kommt“. Mittlerweile aber habe sich der Verein das Vertrauen der Flüchtlinge erworben, „weil sie so vieles selber machen“.

Die Aufnahmeregeln sind streng, die Teilnahme an einem einwöchigen Seminar und ein Vorstellungsgespräch Voraussetzung. Schlüsselfragen gelten den Menschenrechten. Dabei werden keine parteipolitischen, wohl aber humanitäre Positionen abgefragt. Die Bewerber müssen außerdem in die Gruppe passen und Fähigkeiten haben, die im Haus gebraucht werden. Jeder Bewohner verpflichtet sich schriftlich zu einer Stunde Hausarbeit täglich. Das ist gerade bei jungen Männern schwer durchzusetzen. Aber „Toilettenputzen ist keine Verletzung der Menschenrechte“, sagt Lieberknecht.

Daß Asylbewerber aus anderen bundesdeutschen Heimen ins „Global Village“ wechseln können, heißt es im Vertrag, „ist ein Privileg, das der Zukunftswerkstatt vom Land Hessen gewährt wird unter der Erwartung, daß sich diese Menschen an der Entwicklung von Global Village beteiligen.“ Sie können das Heim nicht, zum Beispiel aus Thüringen oder Sachsen kommend, als Sprungbrett zur Schwarzarbeit in das Rhein-Main-Gebiet ausnutzen. Die ist, wie Drogendealerei und Handel mit Hehlerware, verboten. Lieberknecht: „Anfangs kamen da auch Leute, die Goldkettchen verkaufen wollten.“ Konflikte durchzustehen und Verbote durchzusetzen hat das Führungsteam inzwischen gelernt. Im Büro des ersten Heims in Aufenau war immerhin dreimal eingebrochen worden. Und Lieberknecht erinnert sich gut, wenn auch ungern an jenen Tutsi, „der sich nicht daran gewöhnen konnte, seinen großartigen Lebensstil aufzugeben“. Der Mann veruntreute Reisekosten und fälschte Abrechnungen.

Ja, das Geld ist knapp. Und nicht nur in den Taschen der Asylbewerber. In der zum Eß- und Fernsehsaal umfunktionierten Eingangshalle verstauben die Reste der Brauereiausstattung des einstigen Ausflugslokals, das Holzimitat an der Decke hängt durch. Die Couchgarnitur ist fleckig. Und die Toilettenspülung funktioniert auch nicht. Und wenn Wolfgang Lieberknecht dann noch aus dem Café eine Bullenhitze entgegenschlägt, weil wieder mal alle vergessen haben, die Heizung abzudrehen, bekommt er einen seiner Rückfälle: schraubt selbst an der Heizung, am Spülkasten, flitzt zwischendurch zum Telefon und x-mal durchs ganze Haus, will alles allein machen – und ärgert sich. Und kann doch auch dann das Träumen nicht lassen: Von einem Biergarten am Haus träumt er jetzt, wo es schneien könnte, und von einer starken Genossenschaft selbstverwalteter Asylheime.


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