Drei von vier Kakaobauern in Ghana und der Elfenbeinküste haben kein existenzsicherndes Einkommen

Trotz Schokolade-Boom: Kakaobauern leiden unter fallenden Preisen

Der Schokoladenverkauf boomt, doch die Lage der Kakaobauern bleibt prekär, auch weil Fairtrade-Modelle nicht genug einbringen. Braucht es für die Anbaustaaten eine Regulierung nach dem Vorbild der Opec? 22.12.2021, 17.13 Uhr

Doch trotz der steigenden Nachfrage gingen die Preise für Kakao zurück – und mit ihnen das Einkommen der Kakaobauern. Pro Jahr werden weltweit Schokoladenprodukte für schätzungsweise 122 Milliarden Euro verkauft, nur etwa 7,3 Prozent davon bekommen die Bauern. Im Oktober sank in Westafrika der Kakaopreis um 18,5 Prozent. Um den Lebensunterhalt zu bestreiten, müsste er eigentlich 50 Prozent höher sein.

Mehr als 60 Prozent der gesamten Kakaoproduktion von knapp fünf Millionen Tonnen im Jahr stammen aus den westafrikanischen Ländern Ghana und der Elfenbeinküste. Doch 75 Prozent der Kakaobauern in diesen Ländern verdienen kein existenzsicherndes Einkommen. Das heißt: nicht genug für Nahrung, Wohnung, Bildung und Gesundheit. Zu kleine Felder, zu wenig Ertrag Und selbst wenn man die Preise verdoppelte, würden nur etwa 41 Prozent der Bauern genug verdienen, um etwa ihre Kinder in die Schule schicken zu können. Viele Bauern hätten zu kleine Felder und zu wenig Ertrag, sagt Waarts. Das Beispiel der Ölproduktion liege nahe – also eine Art Kakao-Opec, wo Produktion und Preis reguliert werden. Die Anbauflächen müssten groß genug sein, und es müsse ein soziales Auffangnetz geben.

Kakaobauern leiden unter fallenden Preisen - trotz Schokolade-Boom - DER SPIEGEL


Kakao-Barometer 2020: Nur struktureller Wandel in der globalen Kakaolieferkette kann Armut beseitigen

Berlin (ots)

Aufgrund des Scheiterns von Selbstverpflichtungen fordern die Herausgeber des Kakao-Reports gesetzliche Regulierungen

Mit der Veröffentlichung des Kakao-Barometers 2020 schlagen die Herausgeber Alarm: Nach zwei Jahrzehnten fehlgeschlagener Bemühungen gehören Armut und Kinderarbeit noch immer zum Alltag von Kakaobauernfamilien. Die entwicklungspolitischen Organisationen INKOTA-netzwerk, SÜDWIND-Institut und Solidaridad fordern als Mit-Herausgeber des Kakao-Barometers Unternehmen und Regierungen dazu auf, ihre Versprechen zur Beendigung der Entwaldung, von Armut und Menschenrechtsverletzungen im Kakaosektor einzuhalten. Dafür sind die Beteiligung von Bauern und Bäuerinnen sowie Arbeiter*innen an Entscheidungsprozessen und die Zahlung existenzsichernder Preise im Kakaosektor nötig.


Das Kakao-Barometer wird von einem internationalen Konsortium zivilgesellschaftlicher Organisationen herausgegeben und gibt alle zwei Jahre einen Überblick über die Nachhaltigkeitsbemühungen im Kakaosektor. Die diesjährige Publikation belegt, dass die weit verbreitete Armut von Kakaobauern und -bäuerinnen fortbesteht, ausbeuterische Kinderarbeit zugenommen hat und die Entwaldung fortschreitet. Deshalb unterstreichen die Herausgeber, dass ohne gesetzliche Regulierungen zur Einhaltung von menschenrechtlichen und umweltbezogenen Sorgfaltspflichten die massiven Herausforderungen im Kakaosektor nicht gelöst werden können.


Ko-Autor Friedel Hütz-Adams vom SÜDWIND-Institut betont: "Bisherige Regulierungsbemühungen sind nur freiwillig, nicht verpflichtend. Innerhalb der Vielzahl von staatlichen Vereinbarungen, nationalen Multi-Stakeholder-Plattformen und sektorweiten Kooperationen gibt es weder Sanktionen für die Nichteinhaltung noch Durchsetzungsmaßnahmen, um die Ziele zu erreichen. Doch ohne Rechenschaftspflicht, Transparenz und Durchsetzung von Verbesserungen ist ihre Wirkung begrenzt, das haben die letzten 20 Jahre gezeigt."


Evelyn Bahn vom INKOTA-netzwerk betont, dass die strukturellen Probleme im Kakaosektor noch immer nicht angegangen werden: "Solange die Schokoladenindustrie nicht bereit ist, höhere Kakaopreise zu bezahlen, lassen sich Armut und Menschenrechtsverletzungen in der Kakaolieferkette nicht beenden. Fairen Kakao wird es nicht zum Nulltarif geben. Es ist an der Zeit, dass die Akteure im Kakaosektor anerkennen, dass Projekte zur Steigerung von Ernteerträgen und Diversifizierung nicht ausreichen."


"Wir stehen am Scheideweg", unterstreicht auch Isaac Gyamfi, Geschäftsführer von Solidaridad in Westafrika. "Umgehen wir weiterhin das Wohl der Bauern und Bäuerinnen, oder gestalten wir gemeinsam die Verteilung der Einnahmen und die Entscheidungsfindung im Kakaosektor radikal um? Bauern und Bäuerinnen brauchen ein existenzsicherndes Einkommen und einen Platz am Verhandlungstisch."


Sandra Sarkwah von der zivilgesellschaftlichen Organisation SEND-Ghana koordiniert die Ghana Civil-Society Cocoa Platform (GCCP). Das Bündnis aus NGOs und Bauernorganisationen im zweitgrößten Kakaoanbauland der Welt unterstützt die Veröffentlichung des Kakao-Barometers 2020. Sarkwah betont: "Die geringen Einkommen der Kakaobauern- und bäuerinnen stellen eine immense Bedrohung für einen nachhaltigen Kakaoanbau dar. Der Großteil der Wertschöpfung bleibt bei Kakaoverarbeitern, Schokoladenherstellern und Einzelhändlern hängen. Sie sind mitverantwortlich, den Kakaosektor so zu gestalten, dass Kakaobauern und -bäuerinnen über ein existenzsicherndes Einkommen verfügen und bessere Ab-Hof-Preise erhalten."

Der vollständige Bericht zum Kakao-Barometer 2020 kann hier gelesen werden (auf Englisch)

Pressemitteilung als PDF (296 KB)


Das Kakao-Barometer:

Das Kakao-Barometer wird alle zwei Jahre von einem globalen Konsortium zivilgesellschaftlicher Akteure veröffentlicht. Es gilt als eine der wichtigsten Veröffentlichungen über die Situation im Kakaosektor. Die Herausgeber sind: ABVV/Horval, Be Slavery Free, European Federation of Food, Agriculture and Tourism Trade Unions (EFFAT), Fair World Project, Fern, Green America, Hivos, INKOTA-netzwerk, International Labor Rights Forum, Mighty Earth, Oxfam America, Oxfam-Wereldwinkels, Rikolto, Soli-daridad, Südwind Institut, Tropenbos International.

Weiterführende Informationen:

Das Kakao-Barometer 2020, eine Zusammenfassung, eine FAQ, separate Infografiken und Fotos der Kakaoproduktion finden Sie hier (auf Englisch, nicht zur Veröffentlichung!)

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