Der nachkolonialen Staat wurde von den Maliern früh als Gewalt-Konstrukt der Kolonialmacht abgelehnt

Aktualisiert: Feb 6

60 Jahre Mali - und eine ungewisse Zukunft

Malis Unabhängigkeit jährt sich in unruhigen Zeiten: Nach dem jüngsten Putsch ist die Machtfolge noch nicht geklärt. Experten sehen darin die Fortsetzung von Problemen, die so alt sind wie Mali selbst.


Malis erster Staatschef Modibo Keita und Frankreichs Premier Michel Debre besiegelten 1960 die Unabhängigkeit der Mali-Föderation

Malis Geschichte seit der Unabhängigkeit sei durch vier illegitime Regierungswechsel geformt, betont Klatt von FES Mali. Viele Faktoren spielten mit, warum das Sahel-Land ständig in Probleme gerate.

"Vergessen wir nicht, dass die Staaten Afrikas auf Grenzlinien aufbauen, die während der Kolonialzeit gezogen wurden. Diese Linien haben manchmal Gemeinschaften zwischen mehreren Ländern gespalten - das schafft all diese Probleme", sagt Historiker Konaté.


Die Staatsgründung Ende des 19. Jahrhunderts als Territorium Frankreichs hatte weder sprachliche, ethnische noch religiöse Grenzen berücksichtigt. Mali wurde Teil der Kolonie Französisch-Sudan. 1960 erlangte die Mali-Föderation, zu der kurzzeitig auch der benachbarte Senegal gehörte, ihre Unabhängigkeit. Kurz danach zerbrach die Föderation, seit dem 22. September 1960 besteht die Republik Mali in ihren heutigen Grenzen. Nach langer marxistisch-orientierten Einparteienherrschaft folgte auf einen Militärputsch 1991 ein nationaler Dialog: Mit einer neuen Verfassung öffnete Mali sich zu einem demokratischen Mehrparteienstaat.

Integration von Volksgruppen

Für Konaté bedeutet die "Balkanisierung” der zusammenhängenden Flächen und Kulturen nach der Unabhängigkeit - also den Zerfall eines komplexen Kulturraums in unhomogene Einzelteile - eine Misere: "Dieses geteilte Afrika, das auf dem Weg zur Unabhängigkeit war - das war schon ein Fehler", sagt er. "Dafür zahlen wir immer noch einen hohen Preis. Die afrikanischen Staaten, in denen wir jetzt tätig sind, tun sich schwer, sich in einer globalisierten Welt durchzusetzen, in welcher Regionen zählen."

Die Integration der auseinandergerissenen und in den neuen Grenzen zusammengewürfelten Lebensgemeinschaften sei problematisch für den Aufbau eines Nationalstaates. Das betreffe nicht nur die Tuareg im Norden, sondern auch andere Ethnien im Süden des Landes.

Auch der Ethnologe Georg Klute betont diese künstliche Struktur als einen der "Geburtsfehler" des unabhängigen Mali: "Die Form der soziopolitischen Organisation ist von außen durch das Militär aufgezwungen worden: Der moderne Staat nach westlichem Modell. Die Kolonialmacht Frankreich bemühte sich, diesen Staat aufzubauen. Aber das beruhte nicht auf Konsens oder einem Abkommen mit der Bevölkerung." Daraus zieht Klute den Schluss, dass es dem Staat früh an Legitimität gefehlt habe und die malischen Bürger das "Konstrukt der Kolonialmacht" abgelehnt hätten.

Mali hat seit der Unabhängigkeit viele Revolten erlebt. Ein Ursprung, der Tuareg-Aufstand in der Region Kidal 1963. "Er ist damals vom malischen Militär blutig niedergeschlagen worden.". "Diese Erlebnisse haben kollektives Trauma bewirkt. Viele Menschen sind in Nachbarländer geflohen, dazu kam in den Siebzigerjahren die große Sahel-Dürre." Laut Klute sind diese Ereignisse bis heute ein Grund, warum in der Region immer wieder Revolten ausbrechen. Seit 2012 hat sich die Sicherheitslage erneut verschlechtert - auch internationale Armeeeinsätze konnten dagegen bislang wenig ausrichten.


60 Jahre Mali - und eine ungewisse Zukunft | Afrika | DW | 21.09.2020


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